Kirche gemeinsam verändern

Gebet für die Diözese 15.01.2020 - Ansprache Jurij Buch

Veröffentlicht von Gabriel Stabentheiner am 16.01.2020
Jurij Buch
Dechant Jurij Buch

Wenn ich meine über 40 Jahre in der Kirche grob überblicke, fällt mir etwas auf: Es gab unzählige Symposien, Pastoralkonferenzen und - Pastoralpläne, einen vielversprechenden Versuch mit allen Bischöfen und kompetenten Laien in Salzburg und und und. Was ist daraus geworden? Weniger als nichts. Frust hat sich breitgemacht und das Wissen, dass man gegen die klerikale Oberschicht so und so nicht ankommt. Schließlich ist auch alles in den übergroßen Schubladen der Verantwortlichen der Kirche verschwunden.

Warum? Stefan Jürgens, von dem das Modell von den drei Schiffen stammt, gibt eine eindeutige Antwort: Weil die klerikalen Seilschaften ihre Macht nicht hergeben wollen. Weil viele noch in dem magischen Verständnis der Priesterweihe verhaftet sind, dass da meint, das die Priesterweihe eine Wesensveränderung bewirkt, aus normalen Christen Geistliche macht. So gesehen dürfte es keinen sexuellen aber auch keinen Machtmissbrauch geben. Das besondere haben wir Priester mit allen Christen gemein: Die Taufgnade. Mehr bedarf es nicht. Die Priesterweihe ist für mich eine Beauftragung zum Dienst an der Gemeinde und ein Vorstehen bei lebenswichtigen Ritualen, an vorderster Stelle der Eucharistie; nicht mehr und nicht weniger. Ich soll der Gemeinde vorangehen, aber noch besser  hinterher, weil oft die Herde besser weiß, was für sie gut ist. Auf jeden Fall dürfte es etwas nicht geben, dass ein Priester in eine Gemeinde kommt und in kürzester Zeit alles, was aufgebaut wurde, zerstört, weil er meint, alles besser und am besten allein zu machen. „Ich bin Priester, ich entscheide!“ Dieser Satz gehört aus dem Vokabular jedes Priesters gestrichen. Weder die Pfarrgemeinde, noch die Kirche oder der Pfarrhof gehören dem Pfarrer, sondern der Gemeinde, der er dienen soll.

Wir haben den Blick dafür verloren, dass wir eigentlich nur eine Aufgabe haben, Jesus Christus zu verkünden, den Gekreuzigten und Auferstandenen, in Wort und vor allem in Tat. Wir sind leider mehr oder weniger Verwalter einer Institution geworden, können nicht mehr unterscheiden zwischen Religion und Glaube, vergessen, dass Christus immer grösser ist, als unser menschliches Werk. Religionen verkünden, dass der Mensch einen Weg zu Gott finden kann. Unser Glaube aber sagt uns unmissverständlich, dass Gott zum Menschen kommt. Nicht wir - schon gar nicht wir Priester - sind Türöffner für das Göttliche. Gott selber ist der Türöffner für unsere Herzen. Das ändert vieles und lässt uns vor allem demütig sein in unserem Dienst.

Wir haben viele Programme erfunden, unendlich viel Papier verbraucht. Oft habe ich den Eindruck, dass dies nur passiert, um die Angestellten zu beschäftigen und das Gefühl zu haben, man tut etwas und nicht nichts. Eigentlich weiß man, dass in den Pfarren das meiste zum Altpapier wandert.

Wir wollen dann auch alles sofort erledigt haben, es gibt keine Visionen mehr, die die Jahrhunderte überdauern. Als man die gotischen Kathedralen baute, wüsste man, dass man weder selber noch die Kinder und Kindeskinder den fertigen Bau sehen werden. Aber man tat es, weil es genügte, an einem großen Werk mitzuwirken. An einem großen Werk dabei sein - das sind auch wir. Wir vergessen nur, dass wir nur ein kleines Rädchen - wenn auch wichtiges - in diesem Räderwerk der Liebe und Menschenfreundlichkeit Gottes sind. Wir opfern auf dem Alter unser Eitelkeiten auch die Gnade Gottes, wir opfern auf dem Altar des Zölibats - des ach so erstrebenswerten und für die Kirche unverzichtbaren - die Eucharistiefeier als das höchste Gut unseres Glaubens, das Eintauchen in das Geheimnis unserer Menschwerdung durch den Tod und die Auferstehung Jesu. Der Zölibat ist eindeutig nicht das höchst Gut des Glaubens und wenn er noch so oft beschworen wird. Ich möchte auch bewusst ausklammern, für wie viel Elend er verantwortlich ist.

Ich stimme ganz und gar dem zu, was Stefan Jürgens in seinem Buch Ausgeheuchelt! schreibt: Er nennt es „Ein gewagter Vorschlag: Verzichten wir auf amtstheologische Kompromisse und weihen kompetente und berufene verheiratete Frauen und Männer zu Priesterinnen und Priestern, Diakoninnen und Diakonen, seien sie nun haupt-, neben- oder ehrenamtlich im Dienst der Gemeinde. Die Hauptsache ist doch, dass Seelsorge mit Gesicht weiter möglich ist, und das alle Seelsorger auch sakramentale Vollmacht haben, damit Lebensbegleitung und Liturgie Hand in Hand gehen können.“

Was hindert uns daran? Ein Hemmschuh ist wohl der männerbündlerische Klerikalismus, den der Papst als größtes Übel in der Kirche sieht - und auch ich. Ich fürchte, dass gerade das auch in der Bischofsweihe sichtbar wird. Ich habe Marketz geschrieben, dass ich nicht sicher bin, ob ich an der Bischofsweihe teilnehme, da ich 3 Stunden Mittelalter schwer ertrage. Es ist für mich nicht mehr zeitgemäß, dass ein Block von Bischöfen und Priestern um den Altar dem gemeinen Volk gegenübersteht. Ich habe ihm einen provokanten Vorschlag gemacht, er soll doch in die erste Reihe Sandler setzten als Zeichen der Caritas, der Liebe zu den Ausgegrenztesten. In der Pfarre wurde das dann weitergesponnen - nicht ganz ernst gemeint: im Altarraum ein Bischof, ein Sandler, eine Frau, ein Bischof... vielleicht noch ein Flüchtling. Undenkbar, aber ein interessanter Gedanke.

Der männerbündlerische Klerikalismus steckt bei uns noch überall drin. Jetzt begebe ich mich bewusst auf Glatteis: Das Domkapitel hat bis zum Rauswurf von Guggenberger einen guten Dienst getan. Es sollen die ehrenwerten Männer nur nicht vergessen, dass sie eben auch ein Männerbund sind, (wie klerikal oder nicht, möchte ich nicht bewerten), mit der Aufgabe zu dienen und nicht zu herrschen und - jetzt - Marketz zu helfen, dass die Kirche ein menschlicheres Antlitz bekommt.

Überhaupt wird es wichtig sein, dass wir alle dem neuen Bischof Rückendeckung geben, denn der Gegenwind - hat sich schon gezeigt - wird heftig sein. Also wird es nicht nur von ihm abhängen, sondern von uns allen. Sollten wir von ihm allein alles erwarten und in alter Manier nach oben schimpfen, wäre das ein Klerikalismus von unten und genauso verwerflich.

Mut brauchen wir, den Willen, die Ärmel aufzukrempeln und Gottvertrauen, viel Gottvertrauen.