Kirche gemeinsam verändern

Sich von Menschen nicht irritieren lassen

Veröffentlicht von Gabriel Stabentheiner am 09.01.2020
Weggespräche
Es braucht Wegggefährten für intensive Weggespräche

Ich hatte vor Weihnachten bereits ein relativ klares Konzept für die Gestaltung und die inhaltliche Ausrichtung des heutigen Abends. Ich wollte damals eigentlich sehr impulsiv in eine positive Richtung gehen. Ausgehend von den ersten Wortmeldungen von Josef Marketz war ich zuversichtlich. Hatte nicht wenig Hoffnung in mir.

Ich konnte damit leben, dass der 66. Bischof von Gurk nicht Engelbert Guggenberger heißen wird. Ich würde auch meinen, dass die Ernennung vom Marketz die Handschrift von Papst Franziskus in sich trägt. Vielleicht hatte all unser Bemühen und Tun einen Anteil daran, die Situation der Diözese Gurk auf den Schreibtisch von Papst Franziskus zu bringen.

Ich kann dem abschätzigen Lächeln mancher kirchlicher Zeitgenossen aufrecht gegenüber stehen. Wenn sie zwar nicht den Mum haben es einem offen zu sagen, dass sie die Intentionen des Forums Mündiger Christen für gescheitert halten, aber es durch ihr Verhalten dennoch zum Ausdruck bringen.

Dass es vor allem um das Thema „Null Toleranz für Machtmissbrauch“ ging und geht checken viele ja so nicht. Dass der begangene Machtmissbrauch, den es in unserer Diözese gab, noch nicht von oben her eingestanden und mit Konsequenzen bedacht wurde ist ja auch der Grund, dass wir das Gebet für die Diözese auch im Jänner fortführen. Damit dokumentieren wir, dass es mit einem neuen Bischof für unsere Diözese allein noch nicht getan ist.

Aber über die letzten 3 – 4 Wochen bin ich doch sehr nachdenklich geworden. So ist es mir heute einfach nicht möglich, ein Mittwochsgebet in der gewohnten Form abzuhalten. So traditionell mit Einleitung – Kyrie – Lesung – Ansprache – Fürbitten usw.

Ich hätte dabei einfach zu stark das Gefühl, dass ich mich damit zu sehr in die Reihe jener Stelle, die meinen, dass ja nun alles wieder gut ist. Wir haben einen neuen Bischof – jetzt wird Frieden und Ruhe einkehren – alles wird wieder seinen gewohnten Lauf nehmen. Viele hoffen, dass sie nun einfach so weiter machen können wie bisher, wie sie es gewohnt sind. Dieses Sehnen nach Ruhe und Frieden halte ich für sehr trügerisch, ja gar gefährlich.

Oft vertrete ich zwar die Meinung, dass es ein absolutes Privileg ist, beruflich für die Kirche arbeiten zu dürfen bzw. zu können. Aber manchmal spürt man auch, dass es eine Last ist. Eine Belastung für das eigene Glaubensleben. Wenn man innerkirchlich sieht wie weit verbreitet der Egozentrismus ist. Jeder hält seinen Bereich und die darum herum aufgebaute Wagenburg für unverzichtbar und für absolut wichtig.

Seit der Ernennung vom Marketz zum nächsten Bischof drehen sich viele Gespräche darum, wer wohl künftig mehr Einfluss haben wird oder wer wahrscheinlich weniger oder gar nichts mehr zählen wird. Wer welche Ämter und Positionen besetzen und beziehen wird. Man hat den Eindruck, dass das Fell des Bären verteilt wird, bevor er erlegt ist.

Dann kommt noch hinzu, dass die katholische Talibanbrigade aus dem ganzen deutschsprachigen Raum einen Shitstorm über Marketz ausgegossen hat wegen seiner ehrlichen Aussagen zum Zölibat und dem Frauenamt. Es wurde in Internetforen sogar dazu aufzurufen, die Weihe von Marketz zu verhindern. Nun feiern sie es als ihren Verdienst und als Sieg der glaubensmässigen Rechtschaffenheit, dass man Marketz seitens des Nuntius dazu zwingen konnte seine Aussagen über ein Kathpress-Interview zu relativieren. Wenn man all das so mitbekommt und dann dies noch mit all den salbungsvollen Weihnachtsbotschaften österreichischer Bischöfe garniert, dann liegt einem das schon schwer auf der Seele. Daher bitte ich Sie um Verständnis, dass ich mich heute hier nicht hinter einem starren liturgischen Ablauf verstecke sondern einfach meine Gedanken, meine Ängste, meine Sorgen aber auch meine Hoffnung vor ihnen ausbreite.

Wenn ich an unseren gemeinsamen Glauben, an unsere gemeinsame Kirche denke und versuche gedankliche Wege zu finden, wie wir das in die Zukunft bringen, dann denke ich dabei vor allem an die Erfahrungen die ich mache, wenn mich Religionslehrer in Maturaklassen holen. Vordergründig soll ich dort über das Thema „Kirche und Geld“ reden. Eigentlich fast immer driften wir vom Thema Geld sehr schnell ab, weil die jungen Leute ganz andere Fragen haben und dann die Gelegenheit nützen, um sich mit ihren Fragen an jemanden, der die Kirche vertritt, reiben und abarbeiten zu können.

Ich möchte das heutige Beten und Denken für unsere Diözese in 3 Überschriften einbetten.

„Wir sollten weniger über die Kirche und mehr über Gott reden.“

Diesen Satz habe ich von Horst Michael Rauter einmal aufgefangen. Sowohl bei meiner Arbeit in der Kirchenbeitragsstelle als auch in den Schulklassen, natürlich auch im privaten Bereich, überlagert das Reden über die Kirche das Reden über Gott. Es ist ja auch kein Wunder. Die Institution Kirche liefert ausreichend Gründe zur Kritik und zum Ärgern. Ich bin in den ganzen 30 Jahren meiner Tätigkeit im Kirchenbeitragsdienst aus diesem Dilemma nicht herausgekommen.

Allein all die Energie, die mit dem Thema Zölibat verschwendet wird. All die sexuellen Missbrauchsfälle und Missbrauchsskandale in der Kirche. Der bis heute fragwürdige Umgang mit Geschieden – Wiederverheirateten. Die Diskriminierung der Frauen. Die fehlende Demokratie und Gewaltenteilung in der Kirche, die selbst unser Kardinal als die Ursünde der Kirche bezeichnet.

Wenn man nun auf Menschen trifft, die zwar katholisch sind und auch „noch“ bereit sind den Kirchenbeitrag zu zahlen, ist es sehr schwer und oft gar nicht möglich über diese Themen hinweg zu einem Reden über Gott zu kommen. Zu sehr sind viele Menschen zu negativ berührt von der Performance des Bodenpersonals Gottes. Ich habe bewusst auf die Titelseite des heutigen Folders eine Aussage von Arnold Mettnitzer gegeben, welche er einmal auf die Frage gegeben hat, ob man aufgrund des Haderns mit der Kirche auch den Glauben an Gott verlieren kann. Er hat folgende Empfehlung abgegeben:

"Lass dich von Menschen nicht irritieren sondern such dir Weggefährten. Gefährten, die offen sind für intensive Weggespräche. Gespräche, die in eine Richtung zeigen, in der Gott sein muss, wenn es ihn gibt.

Wenn ich nun für unsere Diözese bete, dann bete ich darum, dass wir als kirchliche Gemeinschaft für die suchenden Menschen und vor allem für die jungen Menschen zu Weggefährten werden. Dass wir zu Gesprächspartnern werden die helfen können, die Richtung zu finden, in der Gott sein muss, wenn es ihn gibt. In der Gott sein muss, wenn es ihn gibt. Das wir imstande sind, diese Offenheit zu verkörpern und nicht mit dem Katechismus alles gleich niederschlagen.

Vor kurzem habe ich folgendes gehört: „Wie viele Wege gibt es zu Gott?“  -  „So viele, wie es Menschen gibt.“

Das klingt nach relativ viel Individualität des Glaubens. Vor allem im Umgang mit jungen Menschen spüre ich, dass es notwendig ist, dass jeder seinen persönlichen Weg zu Gott finden muss. Ich bete für eine Kirche die hilft, diesen „persönlichen“ Weg zu finden. Es bräuchte nicht viel, um den Menschen Mut zu machen.

Ich wünsche Josef Marketz, dass er in unserer Diözese ein Klima und eine Atmosphäre schaffen kann, in welchem jeder und jede in allen unterschiedlichen Facetten einen Platz finden kann.

Ich bete darum, dass unter einem Bischof Josef Marketz die gegenseitige Erzählung über persönliche Glaubenserfahrungen zur Normalität wird. So wie er auch seine Geschichte mit Mutter Theresa erzählt hat.

In den Schulklassen erzählte ich auch oft schon von solch einer persönlichen Erfahrung. Von eine Erfahrung bei welcher ich erstmals in meinem Leben das Gefühl hatte, die Anwesenheit Gottes zu spüren. Wir hatten von der Dompfarre aus das Jungscharlager mit 50 Kindern im Kloster in Maria Luggau. Der damalige Dompfarrer Horst Michael Rauter war da auch teilweise dabei. Die Woche ist sehr gut verlaufen. Meine Frau und ich waren die Organisatoren und Verantwortlichen. Als Begleiter war auch ein Mann namens Hugo dabei. Es waren für uns als Erwachsene sehr anstrengende Tage. Aber es war wunderschön mit diesen Stadtkindern das Leben im Lesachtal zu erkunden, zu wandern, zu spielen, am Lagerfeuer zu sitzen usw..Am letzten Abend gab es natürlich den obligatorischen Discoabend im Theatersaal des Klosters. Ich organisierte von einem Jungen im Dorf eine Lichtorgel und eine Musikanlage. Wir Erwachsenen richteten den Theatersaal entsprechend her. Die Tür haben wir abgesperrt, damit die Kinder noch nicht herein konnten. Es sollte ja einen Überraschungseffekt geben.

Als wir mit der Adaptierung des Raumes langsam fertig wurden, trommelten die Kinder schon erwartungsvoll von außen an die Tür. Hugo übernahm die Rolle des Discjockeys. Alles Erwachsenen waren im Raum, auch unser Dompfarrer Horst Michael Rauter. Da sagte Hugo: „Bevor wir die Kinder hereinlassen, spielen wir ein Lied für uns.“ Wir drehten das Licht aus. Nur die Lichtorgel war eingeschaltet. Dann spielte Hugo das Lied „One of us“ von Joan Osborne ab.

Wir saßen erschöpft von der ganzen Woche im Dunkeln. Ich sehe heute noch Horst Rauter vor mir, wie er da auf einem Stuhl sitzt, die Augen geschlossen, so richtig meditativ. Als das im Lied immer wieder kam: „God is one of us - yeah God is great – yeah God is good“ und die vergangenen Tage wie ein Film vor meinen Augen abliefen. Ich an die strahlenden Augen der Kinder, an ihren Lebenshunger, ihre ungestüme Freude dachte, ich dankbar war für die gute Gemeinschaft unter uns Erwachsenen gemeinsam mit unserem Dompfarrer, da war ich so glücklich, dass für mich klar war, Gott ist einer von uns - Gott ist auch in diesem Theatersaal.

Ohne Theologie studiert zu haben, habe ich in diesem Moment für mich begriffen, dass man Gott am besten dadurch erfahren, begreifen und spüren kann, wenn man mit und für andere Menschen etwas Gutes tut. Dieses Erlebnis erzähle ich in Schulklassen immer wieder. Damit erkläre ich, dass das der Sinn und Zweck von Kirche ist bzw. sein könnte.

Dass man zusammen mit anderen Menschen versucht etwas Gutes zu tun.

Immer wenn ich in einer Schulklasse vom Theatersaal in Maria Luggau erzähle merke ich, dass es danach meistens kurz still in der Klasse ist. Ich habe dann den Eindruck, dass jeder für sich kurz nachdenkt, ob er auch schon mal so etwas erlebt, gespürt oder erfahren hat. Ja es wäre wirklich besser, wenn wir mehr über Gott reden würden als über die Kirche.

Beten wir darum, dass die Institution Kirche ihre inneren Probleme bald mal überwinden kann, damit uns diese Probleme nicht dauernd vor den Füßen liegen und uns von eigentlich Wichtigen abhalten.

„Freiheit“

Die nächste Überschrift oder das nächste Thema für oder um welches ich im Hinblick auf unsere Diözese beten möchte ist die Freiheit. Und es sind zuerst auch wieder die Maturanten, mit welchen ich manchmal in der Religionsstunde zu tun habe, die mich über die „Freiheit“ nachdenken lassen. Ihre Fragen und Beiträge vermitteln den Eindruck oder den Verdacht, dass sie in dem Gefühl leben, das dieser katholische Glaube oder vielleicht besser gesagt, wie sie den Glauben durch die Institution Kirche vermittelt bekommen etwas Einengendes ist.

Einer hat mal gesagt: "Es kommt mir so vor, als ob in die Kirche mich in eine Zwangsjacke stecken möchte. Du sollst jeden Sonntag in die Kirche gehen. Du sollst regelmäßig beichten. Du sollst vor der Ehe keinen Sex haben. Du sollst halt dieses und jenes.“

Es ist dann gar nicht so leicht eine Argumentation zu finden, dass der Gott an den ich glaube ein Gott der Freiheit ist. Dass Gott uns immer selbst entscheiden lässt. Das fängt schon mit dem einen Baum im Paradies an. Wäre Gott ein Kontrollfreak oder einer, der uns eine eigenverantwortliche Entscheidung nicht zutraut, dann hätte er den Baum da gar nicht hineingestellt. Gott ist ja nicht so, wie wir als Eltern oder Großeltern es oft sind. Wenn unsere Babys zu krabbeln anfangen, dann räumen wir alles was in deren Griffweite ist weg, sichern alle Steckdosen und geben auf alle Ecken und Kanten weiche Gummis drauf, damit von vornherein ja nichts passieren kann.

Die Jugendlichen verstehen als Freiheit natürlich primär Unabhängigkeit, eigenes Entscheiden, sich nicht ständig vor jemanden verantworten zu müssen. In unserer Gesellschaft wird Freiheit ja auch als etwas sehr individualistisches dargestellt, beworben und verkauft. Man kann die jungen Leute nur zu gut verstehen. Sie haben ja ständig die Eltern und Lehrer vor sich. Also ständig irgendeine Autorität halt. Wenn ihnen Kirche auch noch als moralische Autorität daherkommt und vermittelt wird, dann ist es nicht schwer zu verstehen, dass sie so eine Kirche vordergründig mal ablehnen. Das sie  - in der für ihre Entwicklung wichtigen Selbstfindung - einer solchen kirchlichen Autorität eigentlich zwangsläufig skeptisch gegenüber stehen müssen. Es ist dann oft schwer und holprig, dass gerade der christliche Glaube mir zu mehr Freiheit verholfen hat. Zur Freiheit besser zu erkennen, was wirklich wichtig ist im Leben. Dass es mehr gibt als Sex, Drugs and Rockn-Roll.

Es ist in kurzer Zeit nicht leicht darzustellen, dass Verzicht, Reduktion und sich Zurücknehmen ein Weg zu mehr Freiheit ist. Dass Freiheit und Glückserfahrung vor allem darin besteht und zu finden ist für andere Menschen da zu sein. Bei Galater 5,13 steht es ja auch geschrieben: „Ihr seid zur Freiheit berufen. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für eure Selbstsucht, sondern dient einander in Liebe.“

Wenn ich von der Zukunft unserer Diözese einen Tagtraum habe, dann träume ich davon, dass die Menschen durch und in dieser Kirche persönliche Freiheit empfinden und kennen lernen. Eine Freiheit, die durch Mitverantwortung, Mitentscheiden und Gehör finden entsteht. Eine Freiheit, die durch transparente, nachvollziehbare und gesicherte demokratische Prozesse in den Pfarren erlebt und praktiziert wird. Eine Freiheit, welche zwischen Mann und Frau keinen Unterschied macht.

In den letzten Monaten haben mich nicht wenige Menschen aus Pfarren angerufen, die mir ihr Leid geklagt haben, dass sie in ihrer Pfarre erleben. Sie haben es mit Pfarrvorstehern zu tun, die die Meinung und die Wünsche des Pfarrgemeinderates geringschätzen, einfach übergehen oder gar keine Diskussion zulassen. Ein Mann aus Oberkärnten hat mir folgendes geschrieben:

„Wissen sie Herr Stabentheiner, so wie Alois Schwarz seine Macht missbraucht hat, so missbraucht auch unser Pfarrer die Macht, die ihm als Pfarrer scheinbar gegeben ist. Dabei geht es ja um gar nicht so viel in unserer kleinen Pfarre. Reichtümer haben wir eh keine. Aber es wäre halt nicht schlecht, wenn man mehrere Angebote einholen würde, wenn etwas zu sanieren ist. Mir hätten Leute genug in der Pfarre, die etwas davon verstehen. Aber bei uns entscheidet der Pfarrer alles allein, obwohl er keinen blassen Schimmer von Elektrik und obendrein handwerklich zwei linke Hände hat.“

Ich mache mir Sorgen um unsere Pfarren. Ich erlebe, dass sich immer mehr Menschen einfach zurückziehen. Sie sagen oft: „Das tue ich mir so nicht mehr an!“

Vielleicht sollte man den Menschen in den Gemeinden draußen die „Pfarre“ einfach wieder zurückgeben. Das Wohl der Pfarre einfach in die Hände der ortsansässigen Menschen legen.

Die Pfarrbevölkerung sollte sich „ihre Pfarre“ selbst managen, verwalten und organisieren. Dann könnten die Priester wieder zu echten Seelsorgern werden. Aber wird es die Bereitschaft zu diesem scheinbaren Machtverzicht irgendwann einmal geben?

Beten wir dafür, dass es unter Bischof Josef Marketz zu einem echten Pfarrkonzept kommt.

Beten wir dafür, dass es unter Bischof Josef Marketz nicht dazu kommt, dass von ob herab etwas entschieden wird sondern die betroffenen Menschen auf breiter Basis in die Zukunftsüberlegungen miteinbezogen werden.

Beten wird dafür, dass es in der Diözese Gurk möglichst bald demokratische Strukturen und eine Art Gewaltenteilung geben wird.

Beten wir dafür, dass Machtmissbrauch weder auf diözesaner Ebene noch auf Pfarrebene Platz hat.

Träumen wir gemeinsam ein wenig von dieser Freiheit und hören wir, was sich die Söhne Mannheims dazu denken.

„Träume, seid ihr noch da?“

Zum Abschluss möchte ich noch die Überschrift „Träume, seid ihr noch da?“ einbringen. Ein Thema, dass mich vor allem deshalb beschäftigt und quält, weil ich mich berufsbedingt eben hauptsächlich in diesem Kreis der Organisation Kirche bewege und aufhalte. Diese Organisation Kirche ist ein ziemlich großer Karren. Die Lohnbuchhaltung der Finanzkammer rechnet monatlich über 900 Personen ab. Ich höre schon über viele Jahre hinweg in sogenannten „SiSi’s“ (das heißt: Sinnlose Sitzung) immer wieder davon reden, dass die Kirche mehr Geld und Kraft in neue Bereiche investieren muss. Auch deshalb, weil das Geld weniger wird, sei es notwendig umzuschichten. In der Hilfslosigkeit darüber zu konkretisieren welche Bereiche das wären, redet man halt von der Jugend.

Wehe einem Bischof Josef Marketz wenn er mit allzu großen Veränderungswünschen oder neuen Schwerpunktsetzungen daherkommt. Dann würden die Fetzen fliegen. Ich habe genug Erfahrung damit wie schwer es ist, langgewohnte Organisationsstrukturen und Arbeitsweisen in eine neue oder andere Richtung zu bringen. In letzter Zeit drängt sich mir Verdacht auf, dass für viele eine Veränderung des Bischofs schon genügt. Nach all dem öffentlichen Aufruhr, den die Amtszeit unseres letzten Bischofs mit sich gebracht hat, sehen nun viele das Heil nur darin, dass der neue Bischof diesbezüglich einfach ein wenig anders ist. Ein wenig bescheidener vielleicht. Im Führungsstil ein wenig partizipativer. Einfach lieb und nett halt.

Ich höre nirgends, dass sich da mehr ändern muss. Dass auch wir als hauptamtliche Mitarbeiter uns vielleicht ändern sollten. Ich höre schon gar nichts darüber, dass sich im sogenannten Presbyterium Verhaltens-, Arbeitsweisen oder Herangehensweisen ändern müssten. Müsste sich aufgrund der jüngsten Diözesangeschichte nicht vielerorts die Einstellung zu den Dingen ein wenig ändern? Bräuchten wir nicht alle mehr Offenheit, mehr Mut für die eigene Meinung und Überzeugung einzustehen.

Ich höre kaum Ansätze für ganz neue Ideen und Sichtweisen. Sehe eigentlich nirgends die Bereitschaft dafür mit Leidenschaft und Engagement auch zu kämpfen. Ich sehe sehr viel Sich-Abducken und Abwarten. Der Bischof wird’s schon richten. Wo sind die Träume? Sind Träume nicht der Stoff aus der die Zukunft gemacht wird?

Wenn wir für unsere Diözese beten, dann müssen wir auch für alle in der Kirche beschäftigten Menschen beten. Für allen Laienangestellten und für alle Priester.

Beten wir dafür, dass man zu mehr Selbstreflexion findet. Um eine ehrliche Selbstreflexion aller in der Kirche tätigen Menschen. Um eine ehrliche Selbstreflexion der einzelnen kirchlichen Teilbereiche.

Als Hilfe zu einer solchen Selbstreflexion springt mich ein Lied von Herbert Grönemeyer nahezu an. In diesem Lied lautet der Refrain: "Wir teilen uns durch eins und uns selbst. Träume seid ihr noch da? Denn euer Nein hab ich jetzt schon. Ich brauche jetzt ein Ja."

In diesem Satz: „Wir teilen uns durch eins und uns selbst.“ sehe ich den ständigen Ansporn des Hinterfragens ob wir uns in unserem kirchlichen Tun nicht ständig im Kreis drehen.

Ich hoffe sehr, dass es unter Bischof Marketz nicht nur zu oberflächlichen kosmetischen Maßnahmen oder Veränderungen kommt. Wir brauchen mehr Substanz. Wir müssen als Kirche aus diesem Kreisverkehr herauskommen.

Ich bete darum, dass es ihm gelingt, dafür alle ins Boot zu holen.

 

Lieder:

One of us - Joan Osborne

Freiheit - Söhne Manheims

Seid ihr noch da? - Herbert Grönemeyer

(Dieses Lied ist auf YouTube leider nicht verfügbar)

Ein Stück vom Himmel - Herbert Grönemeyer

 

Die bisherigen Gebete für die Diözese im Rückblick