Kirche gemeinsam verändern

Gebet für die Diözese 11.12.2019 - Ansprachen als Text

Veröffentlicht von Gabriel Stabentheiner am 12.12.2019
Gerda Schaffelhofer
Gerda Schaffelhofer und Jurij Buch beim Gebet für die Diözese am 11.12.2019

Ansprache Teil 1 zur Lesung Ez 34, 1 - 10

Das Wort des Propheten Ezechiel lässt es nicht an Deutlichkeit fehlen. Der Herr ist erzürnt. Der Grund für den Zorn Gottes ist seine Herde. Sie hat sich verlaufen hat, ist zerstreut, ist die Beute wilder Tiere geworden und das deswegen, weil die Hirten versagt haben.

Zentral geht es in diesem Prophetenwort um die Hirten, aber im Unterschied zu den frommen Hirten, die im Weihnachtsevangelium nach Bethlehem aufbrechen und vor dem Kind betend in die Knie sinken, so will es zumindest die Weihnachtsidylle, haben die Hirten, die Ezechiel anspricht, versagt und den Zorn des Herrn heraufbeschworen. Was war passiert?

Der Prophet Ezechiel richtet diese Worte an das jüdische Volk im babylonischen Exil. Er ist die große Prophetengestalt, die während der babylonischen Gefangenschaft der Juden auftritt. Jerusalem wurde 587 v. Chr. von den Babyloniern unter Nebukadnezar erobert, die führende Schicht wurde in die Gefangenschaft nach Babylon deportiert. Dort setzten dann das große Wehklagen und eine gewisse Selbstreflexion ein. Wie konnte es passieren, dass Gott sein Volk so im Stich gelassen hat?

Die Antwort liegt auf der Hand: Das Volk ist Gott nicht treu gewesen, es hat den Bund mit Gott gebrochen, es ist dem Götzendienst anheimgefallen, es hat den Herrn verraten. Und schuld waren die, die dieses Volk nicht richtig geleitet haben, schuld waren die Hirten, die mehr auf sich selbst geschaut haben als auf die Herde. Mit diesen Hirten geht Gott nun ins Gericht. Nun so weit, so gut, lassen wir die Geschichte, überlegen wir, ob und was uns dieses Prophetenwort heute zu sagen hat. Passt es überhaupt in unsere heutige Zeit, in unsere Gesellschaft, in unsere Kirche?

Ich denke, es passt sehr gut. Die zerstreute  Herde kennen wir auch. Unsere Herde schrumpft, sie irrt in Yogakursen und  psychotherapeutischen Praxen umher, sie hat sich von der Kirche abgewendet und schert aus auf der Suche nach alternativen Sinnangeboten. Offensichtlich haben auch heute die Hirten einiges verbockt. Man glaubt ihnen nicht mehr, ihr Wort hat kein Gewicht mehr. Und das darf uns auch nicht wundern: Jede Woche tauchen neue Scheußlichkeiten an Missbrauchsfällen auf, und der Klerikalismus, den der Papst als Grundübel bezeichnet, ist genau die Haltung jener Hirten, die sich nur selbst weiden und sich nicht um ihre Herde kümmern. Und was unsere Diözese anbelangt, würde mir zum Hirten, der die schwachen Tiere nicht stärkt, die kranken nicht heilt, die verscheuchten nicht zurückholt, auch einiges einfallen, aber ich will mich nicht verzetteln.Ich bleibe beim allgemeinen Befund der Kirche und behaupte:

Das Wort des Propheten Ezechiel gilt auch für uns, es ist von zeitloser Gültigkeit und Relevanz. Die Kernaussage ist: Es ist nicht egal, wie Verantwortliche mit ihrer Verantwortung umgehen. Auch wenn heute mehr von der Barmherzigkeit Gottes als vom Zorn Gottes gesprochen wird, heißt das nicht, dass Gott alles zumutbar ist, und dass er in seiner allumfassenden Liebe zu uns alles hinnimmt und gutheißt.

Auch im NT (Lk 12, 48) heißt es: Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen. Es ist nicht egal, wie wir vor Gott wandeln, hätte man früher formuliert, etwas moderner würde man heute sagen: Es ist nicht egal, welche Performance wir Gott bieten. Und „die da oben“, die Hirten von heute, täten gut daran, sich mit dieser Bibelstelle und dem Zorn Gottes einmal auseinanderzusetzen. Denn sie werden – auch wenn sie noch so sehr vorgeben, in Unschuld zu wandeln – sie werden einmal zur Verantwortung gezogen werden, in V 10 heißt es eindeutig: Nun gehe ich gegen die Hirten vor.

So weit so gut, das kommt ja unserem Gerechtigkeitssinn auch ein bisschen nahe. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass sich dieses Wort auch an uns richtet. Denn wir alle haben unseren Verantwortungsbereich, auch wir sind Hirten auf den uns anvertrauten Weiden. Es sind mit dem Prophetenwort nicht nur ein paar „da ganz oben gemeint“, über die wir ja alle ganz gerne einmal zu Gericht sitzen würden, es sind auch wir gemeint. Stärken wir die Schwachen, verbinden wir die Verletzten, kümmern wir uns um die Herde?

Vielleicht sind wir nun an einem Punkt angelangt, an dem man ein bisschen resignativ werden könnte. Denn was können denn wir schon tun? Sind wir nicht in unserer Kirche inzwischen an einem Punkt angelangt, an dem sowieso nichts mehr geht? Selbst der Papst scheint es nicht zu schaffen, den Teufelskreis zu durchbrechen, zu stark sind die Widerstände. Und dann erst wir? Was sollen wir ausrichten? Wir stehen doch längst auf verlorenem Posten.

Hier nun möchte ich nun einen ganz entschiedenen Widerspruch einbringen. Es ist nicht zu spät! Es ist nie zu spät, sich in und für die Kirche zu engagieren. Es ist deswegen nie zu spät, weil wir nicht allein sind, sondern Gott sich selbst engagiert, sich für uns einsetzt und zwar mit seiner ganzen Kraft und Leidenschaft, wie wir gleich hören werden. Denn unser Bibeltext ist an der Stelle, wo wir abgebrochen haben, nicht zu Ende. Es gibt einen zweiten Teil, den wir Ihnen bisher vorenthalten haben, auf diesen zweiten Teil aber kommt es ganz entschieden an.

 

Ansprache zur Lesung Ez 34, 11 - 16

Der gute Hirt

Ez 34,11 Denn so spricht Gott, der Herr: Jetzt will ich meine Schafe selber suchen und mich selber um sie kümmern. 

Ez 34,12 Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert an dem Tag, an dem er mitten unter den Schafen ist, die sich verirrt haben, so kümmere ich mich um meine Schafe und hole sie zurück von all den Orten, wohin sie sich am dunklen, düsteren Tag zerstreut haben.

Ez 34,13 Ich führe sie aus den Völkern heraus, ich hole sie aus den Ländern zusammen und bringe sie in ihr Land. Ich führe sie in den Bergen Israels auf die Weide, in den Tälern und an allen bewohnten Orten des Landes.

Ez 34,14 Auf gute Weide will ich sie führen, im Bergland Israels werden ihre Weideplätze sein. Dort sollen sie auf guten Weideplätzen lagern, auf den Bergen Israels sollen sie fette Weide finden.

Ez 34,15 Ich werde meine Schafe auf die Weide führen, ich werde sie ruhen lassen - Spruch Gottes, des Herrn.   

Ez 34,16 Die verloren gegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden, die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten. Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist. 

Spüren Sie die Schönheit dieses Textes? Spüren Sie diese Kraft, die von diesem Engagement Gottes für uns ausgeht? Gott gibt nie auf, er lässt uns nicht im Stich! Es mag noch so bescheiden sein in unserer Kirche, wir mögen auf noch so vielen Irrwegen unterwegs sein in unserer Verblendung, Gott überlässt uns nicht unserem Schicksal, er ist da – in Amazonien, in Zentralafrika, aber auch bei uns in Gurk.

Bedrängnis und Zorn sind nicht das Letzte, nicht das Endgültige, nach Bedrängnis und Zorn kommt Heilung, kommt Erlösung, kommt Ruhe auf neuen Weideplätzen.

Und wenn wir nun mit Maria fragen „Wie soll das Unmögliche geschehen?“ Dann gibt es nur eine Antwort, und sie lautet nicht: Durch den neuen Bischof! Nein sie lautet: Durch Menschen wie dich und mich!

Wir alle sind mit gemeinsam mit unserem neuen Bischof die neuen Hirten Gottes.

Wir sind Gottes Augen, die die Verletzten und Kranken wahrnehmen,

wir sind Gottes Ohren, die den leisen Hilferuf der Schwachen hören,

wir sind Gottes Hand, die die Mutlosen aufrichtet,

wir sind Gottes Mund, der die Zerstreuten anspricht und wieder einlädt,

wir sind Gottes Herz, das die Menschen liebt.

Wir sind Gottes Visitenkarte hier auf Erden,

und auf dieser Visitenkarte sollte groß Glaubwürdigkeit stehen.