Kirche gemeinsam verändern

Nur was sich verändert bleibt

Veröffentlicht von Gabriel Stabentheiner am 21.11.2019
Gabriel Stabentheiner 20.11.2019
Gabriel Stabentheiner gestaltete das Gebet am 20. November 2019

Einleitung

Willkommen zum 19. Gebet für die Diözese. Ich erlaube mir heute noch einmal, das Gebet für die Diözese auf meine Art zu gestalten. Die Musik einzubringen, die mir wichtig ist und mir hilft psychisch über die Runden zu kommen und meine Motivation hoch zu halten. Den Grundtenor für diese Gebetsstunde würde ich mit dem Begriff „Change – Veränderung“ beschreiben.

Was meinen wir eigentlich konkret damit, wenn wir sagen wir treffen uns hier im Dom zum „Gebet für die Diözese“. Kann man für eine Diözese beten? Laut Wikipedia ist eine Diözese ein territorial abgegrenzter kirchlicher Verwaltungsbezirk. Für einen territorialen Verwaltungsbezirk an sich kann man wohl schwer beten. Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an das Gebet für die Diözese denken?

Wofür beten Sie? Ist es ein neuer „guter“ Bischof? Geht es um ein besseres, vielleicht demokratischeres Miteinander? Geht es um den Erhalt des kirchlichen Status quo? Beten wir darum, dass die Kirche in Kärnten vielleicht wieder jenen Stellenwert bei den Menschen bekommt, denn sie früher mal hatte? Geht es um’s Bewahren oder richtet sich der Blick nach vorne in die Zukunft? Spüren wir in uns, dass so wie alles im Leben der Veränderung unterworfen ist, sich auch die Kirche vielleicht sogar der Glaube verändern muss?

Ich denke, dass dieses Beten für die Diözese wohl vielfältig sein wird. So vielfältig und individuell wie wir als Menschen sind. Wenn ich selbst daran gehe für diese Diözese zu beten, dann denke ich dabei nicht an einzelne Personen der Hierarchie. Es kommt mir auch nicht primär der Wunsch nach veränderten Strukturen in den Sinn. Das würde sich ja alles von selbst ergeben, wenn die grundsätzliche Atmosphäre passt. Wenn ich mir in vielen Belangen eine „veränderte“ Kirche wünsche und ich derzeit eigentlich all meine Kraft dafür investiere, dann denke ich dabei an das große Ganze. Es geht nicht um die Kirche! Es geht um die Menschen!

Ich denke an alle Menschen, die sich dieser Kirche zugehörig fühlen. An alle Menschen, für die diese Kirche trotz allem ein Stück Heimat ist. An alle Menschen, die diese Heimat aus altbekannten Gründen leider verloren haben. An alle Menschen, denen die Kirche aufgrund ihrer klerikalen Erstarrung fremd geworden ist. An alle Menschen, die das Gefühl haben mit ihren Lebensfragen, mit ihren Gefühlen, Ängsten und Sorgen in dieser Kirche keinen Platz zu haben.

Wenn man 30 Jahre in einer Kirchenbeitragsstelle arbeitet, dann trifft man zwangsläufig auf alle diese verschiedenen Menschen. Ich sehe besonders in den sogenannten „Fernstehenden“ die Suchenden, die Fragenden. Niemand von uns wird jemals damit fertig sein – auf seinen Weg hin zu Gott. Ein Lied der irischen Popgruppe U2 bringt dieses Suchen für mich sehr gut zum Ausdruck. Beginnen wir unserer gemeinsame Stunde nun mit diesem Lied.

U2 - "I still haven't found what I am looking for"

Vor kurzem musste ich zum ORF um für das Radio ein Interview zu geben. Das habe ich auch mit bestem Wissen und Gewissen erledigt. Privat fragte mich die Redakteurin am Schluss: „Was wollt ihr eigentlich als Forum Mündige Christen erreichen?“ Meine Antwort war: „Ich möchte das das Forum eine Plattform bietet, damit die Menschen dieses Landes sich zu ihrer Kirche hin artikulieren können.“ Das Forum ist als Sprachrohr gedacht. Aus diesem Grund haben wir ja auch das Buchprojekt „Grüß Gott Herr Bischof“ ins Leben gerufen. Dieses Buchprojekt solle jeder Frau und jedem Mann die Gelegenheit bieten, dem neuen Bischof etwas mit auf den Weg zu geben.

Wir wissen, wie schwer es für viele ist, darunter auch ihren Namen zu setzen. Aber genau darum geht es. Als Christen müssen wir lernen mit unserem Sein, mit unserem Namen für die Sache Jesu Christi einzustehen. Wenn wir dies schon innerhalb der Kirche nicht schaffen, wie sollen wir dies dann im Alltag, im konkreten Leben schaffen?

Derzeit haben wir noch kein Buch beieinander. Derzeit ist es nur ein Heft. Wir hoffen, dass noch Beiträge kommen. Damit man sieht, dass das eigentlich gar nicht so schwer ist, wie man meint, möchte ich Ihnen nun einige der bisher eingelangten Beiträge kurz vorstellen.

- Es wurden einige der bisher eingelangten Buchbeiträge vorgestellt.

„Ihr seid das Licht der Welt“. Beim letzten, von mir gestalteten Gebet am 6. November habe ich diese Bibelstelle, die einer meiner Lieblingsstellen ist, als Lesung genommen.

Wir sind das Licht der Welt.

Du bist das Licht der Welt.

Gott ist am Ende für uns das Licht.

Der deutsche Sänger Gregor Meyle hat zum Thema Licht ein sehr ermutigendes Lied geschrieben. Vielleicht kann dieses Lied auch für Sie zu einer Ermutigung werden. Vielleicht auch eine Ermutigung auch einen Buchbeitrag zu schreiben.

Gregor Meyle - "Du bist das Licht"

 

Lesung Thess 5,12-22 Anweisungen für das Gemeindeleben

Wir bitten euch, Brüder und Schwestern: Erkennt die an, die sich unter euch mühen und euch vorstehen im Herrn und euch zurechtweisen! Achtet sie äußerst hoch in Liebe wegen ihres Wirkens! Haltet Frieden untereinander! Wir ermahnen euch, Brüder und Schwestern: Weist die zurecht, die ein unordentliches Leben führen, ermutigt die Ängstlichen, nehmt euch der Schwachen an, seid geduldig mit allen! Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergilt, sondern bemüht euch immer, einander und allen Gutes zu tun! Freut euch zu jeder Zeit! Betet ohne Unterlass! Dankt für alles; denn das ist der Wille Gottes für euch in Christus Jesus. Löscht den Geist nicht aus! Verachtet prophetisches Reden nicht! Prüft alles und behaltet das Gute! Meidet das Böse in jeder Gestalt!

Gabriel Stabentheiner zum Text der Lesung: Was könnte man zu dieser heutigen Lesung sagen? Es scheint eigentlich sehr klar zu sein – und doch wieder nicht.

„Weist die zurecht, die ein unordentliches Leben führen.“  - Da müssten wir zuerst einmal Übereinstimmung darin finden, was ein unordentliches Leben ist.

„Meidet das Böse in jeder Gestalt!“ - Da muss man die vielfältigen Gestalten des Bösen ja erst mal erkennen.

„Ermutigt die Ängstlichen“ - Wozu soll man sie ermutigen?

Wenn ich oder jemand anderer Ihnen diese Bibelstelle nun auslegen würde, dann würde das wahrscheinlich eine subjektive Sichtweise sein. Von einem Freund habe ich gelernt, dass die Bibel zu jedem Menschen in anderer Art und Weise spricht. Es ist sogar so, dass die gleiche Bibelstelle mich heute so anspricht und an einem anderen Tag wieder ganz anders. Es käme darauf an, in welcher Verfassung, in welcher seelischen Gemütslage, man sich gerade befindet. Gerade das wäre das große Geheimnis des Wortes Gottes.

Vielleicht geben wir – vielleicht gibt die Kirche – den Menschen zu viel vor? Auch wenn es natürlich immer gut gemeint ist. Im Gespräch mit den Menschen im Zuge meiner Arbeit hatte ich oft den Eindruck, dass viele die Predigten des Pfarrers oder Haltungen der Kirche so als absolut empfinden – als unumstößlich. Ich denke wenn wir zu einer lebendigen Kirche kommen wollen, dann brauchen wir mehr Diskurs – mehr Auseinandersetzung. Schließlich ist die Bibel ja kein Diktat sondern inspirierte Schrift. Wenn „die Kirche“ es schaffen könnte, diese Offenheit in das Bewusstsein der Menschen zu implementieren, dann würden vielleicht auch junge Menschen erkennen, dass es darum geht, Mut zum Leben zu machen.

Arnold Mettnitzer hat in der Radiosendung „Frühstück bei mir“ am 8. Feber 2009 folgendes gesagt: „Es bräuchte nicht viel, um den Menschen Mut zu machen. Bei Paulus steht immerhin: „Wir sind nicht Herren eures Glaubens, sondern Diener eurer Freude.“ Es wäre so ermutigend, wenn man von kirchlichen Verantwortungsträgern spüren könnte, dass Sie zu dieser Dienstleistung der Ermutigung und Horizonterweiterung des Einzelnen etwas beitragen.“

Lassen wir die Anweisungen für das Gemeindeleben daher heute unkommentiert. Freuen wir uns gemeinsam über die uns geschenkte Frohe Botschaft. Freuen wir uns über dieses Buch der Liebe. Peter Gabriel, einer der größten Popmusiker unserer Zeit, hat über die Bibel – The book of love – ein berührendes Lied geschrieben. Er liebt darin die Dinge, die ihm vom „book of love“ gegeben werden. Er ruft am Schluss sogar, dass ihm dieses Buch der Liebe einen Ehering anstecken möge. Er möchte mit dem book of love verheiratet sein. Lassen Sie sich in die Melodie dieses Liebesliedes einfach hineinfallen.

Peter Gabriel - "The book of love"

 

Fürbitten

Brüder und Schwestern, wir glauben, dass Jesus Christus unsere Geschicke in seinen Händen hält. Ihn bitten wir:

1. In unserer Diözese haben sich in den letzten Wochen Frust und Lethargie breit gemacht. Sehr lange schon dauert das Warten auf einen neuen Bischof. Viele haben das Gefühl, dass die Zermürbungstaktik, mit der man aufmüpfige Diözesen in der Kirche stets in Schach zu halten wusste, auch bei uns langsam, aber sicher zu greifen beginnt. Herr, schenke uns Geduld in diesen Tagen des Wartens und stärke unseren Glauben. Schenk uns einen Glauben, der stark und unbeirrbar ist und der sich so als tragfähige Brücke zu neuen Ufern erweist.

2. Die Amazoniensynode hat uns unsere Verantwortung für Bruder Baum und Schwester Mensch, für Gottes Schöpfung und seine Geschöpfe einmal mehr ins Bewusstsein gerufen. Mach, dass der Betroffenheit der Synodenteilnehmer auch konkrete Taten folgen und der globale Notruf, der abgesendet wurde, nicht schon morgen wieder auf taube Ohren trifft.

3. Es ist keineswegs egoistisch, wenn wir darauf hinweisen, dass unsere Kirche nicht nur in Amazonien, sondern auch hier bei uns Probleme hat, die dringend in Angriff genommen werden müssen. Unsere globale Verantwortung darf nicht zu einem billigen Ablenkmanöver von unseren eigenen Problemen vor Ort werden. Herr, gibt den derzeitigen Entscheidern in der Kirche den Mut zu weitreichenden Reformen, die sicherstellen, dass es weltweit lebendige Gemeinden gibt, die auch künftig deine frohe Botschaft in Wort und Tat verkünden.

4. Über die Frauenfrage wurde bei der Amazoniensynode viel diskutiert, das Ergebnis ist aber bescheiden. Der Ball wurde einmal mehr zu Papst Franziskus zurückgespielt, die Frauen wurden einmal mehr um Geduld ersucht. Wie lange eigentlich noch, fragen wir uns. Gib, dass Papst Franziskus, ungeachtet aller Zwischenrufe und Blockaden, der Durchbruch in der Frauenfrage gelingt und er als jener Papst in die Geschichte eingeht, der anknüpfend an die biblische Tradition den Frauen ihren ursprünglichen Platz an der Seite Jesu und der Apostel wieder zurückgibt.

5. Niemand geringerer als Papst Franziskus selbst hat den Klerikalismus als Pest in der Kirche bezeichnet. Die Vorrangstellung, die davon infizierte Kleriker für sich beanspruchen, erzeuge eine Spaltung im Leib der Kirche,die dazu anstiftet und beiträgt, viele der Übel, die wir heute beklagen, weiterlaufen zu lassen. Herr, es fällt uns schwer zu glauben, dass die Kirche nach Jahrhunderten zu diesem so notwendigen Selbstreinigungs- und Selbstheilungsprozess nicht imstande ist und aus eigener Kraftwieder genesen kann. Im Bewusstsein, dass wir deines ganz besonderen Beistands bedürfen, um diese Seuche zu überwinden, bitten wir dich um das Kommen deines Geistes – nicht als sanften Lufthauch, sondern als Sturmwind, der alles wegfegt, was sich an klerikalem Mief in unserer Kirche über Jahrhunderte eingenistet hat.

6. Wir Laien können 1000 Gründe nennen, warum die Kirche für uns und für viele so unattraktiv geworden ist. Was wir dabei aber oft übersehen ist die Tatsache, dass auch wir Kirche sind, dass auch wir dazu berufen sind, die christliche Gemeinde attraktiv zu machen. Die Worte des Apostels Paulus an die Gemeinde von Thessaloniki gelten nämlich in gleicher Weise für uns. Herr, lass uns nicht mehr fragen, was uns die Kirche gibt, sondern wir der Kirche zu geben bereit sind. Lass uns lebendig sein in unserer Kirche und andere mit unserer Lebendigkeit anstecken. Lass uns mutig sein, auch wenn andere zaudern undzimperlich sind. Lass uns unbeirrt unseren Weg gehen, auch wenn wir für andere naive Träumer oder weltfremde Phantasten sind.

Gott, du bist ohne Anfang und Ende; alles, was ist, kommt von dir. Segne unsere Tage und schenke der Welt den Frieden. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. – Amen.

 

Jeder von uns geht seinen Lebensweg. Jeder von uns hat seine eigene Geschichte. Lassen wir uns nun von der amerikanischen Sängerin Tracy Chapman eine Lebensgeschichte erzählen, die darin mündet, dass das Wichtigste, was wir haben unsere Seele ist.

Tracy Chapmann - "All that you have is your Soul"

 

Das "Vater unser" wurde gemeinsam gebetet

Jurij Buch erteilte den Segen

 

Verabschiedung

Ich habe heute versucht, sie ein wenig mit hineinzunehmen in meinen Zugang zum Glauben. In meine Welt des Betens mit Musik, mit Liedern die uns umgeben.

Change, also Veränderung ist ein Thema, dass mich in allem Bereichen des Lebens beschäftigt. Immer mehr wird mir klar, dass wir als Welt, als Menschheit und auch als Kirche bei einer Zeitenwende angekommen sind.

„Was bleibt ist die Veränderung. Nur was sich verändert bleibt.“ Das ist ein bekanntes Zitat des deutschen Historikers Michael Richter.

Du musst selbst zu der Veränderung werden, die du in der Welt sehen willst.“ Sagt ein Mahatma Ghandi zum Thema Veränderung.

„Was soll sich in der Kirche verändern?“ wurde Mutter Theresa einmal von einem Journalisten gefragt. Ihre Antwort war: „Sie und ich!“

Das Jahr 2015 war für mich persönlich eine Zeitenwende. Damals hat mir ein Lied von Michael Jackson sehr geholfen, diese Wende, diese persönliche Veränderung, gut zu schaffen. Nicht schwach zu werden, sondern konsequent in der Spur der Veränderung zu bleiben. Wenn man sich den Refrain dieses Liedes ständig selbst vorsingt, dann verfestigt sich der Glaube daran, dann geht einem das in Fleisch und Blut über.

I'm starting with the man in the mirror. I'm asking him to change his ways. And no message could have been any clearer: If you wanna make the world a better place, take a look at yourself and then make a change.

Mit diesem Lied möchte ich Sie nun gerne in die kommende Woche bis zum nächsten Mittwoch verabschieden. Ich hoffe wir sehen uns am nächsten Mittwoch wieder. Danke.

Michael Jackson - "Man in the mirror"

 

Die bisherigen "Gebete für die Diözese" im Rückblick