Kirche gemeinsam verändern

Die Frauenfrage darf nicht vergessen werden

Veröffentlicht von Gabriel Stabentheiner am 06.11.2019
Gabriel Stabentheiner - Ansprache 9.10.2019
Gabriel Stabentheiner

Einleitung

Willkommen zum 17-ten Gebet für die Diözese. Viel Hervorragendes, Mutiges, Wahrhaftiges, Couragiertes, Authentisches haben wir hier in den letzten 16 Wochen gehört. Immer auch eingebettet in eine harmonische Gestaltung. Auf unserer Homepage steht, dass dieses wöchentliche Gebet für die Diözese dazu dient, um für die Anliegen unserer Diözese zu beten. Weiters steht auf unserer Homepage:

- Wir wollen positive Impulse der Ermutigung setzen.

- Wir wollen laut unsere Stimme erheben.

- Wir wollen KIRCHE GEMEINSAM VERÄNDERN.

Wenn uns Außenstehende hier beobachten würden, frage ich mich schon, welchen Eindruck sie von dieser Bewegung wohl haben. Vielleicht würde der unbedarfte Beobachter sagen:

„Da treffen sich halt ein paar Nostalgiker, die sich gemeinsam die Dinge schön reden.“ oder „Da gibt es ein Grüppchen, die nicht realisieren wollen, dass die Macht in der Kirche nicht im Kirchenvolk zu Hause ist.“ oder „Die werden irgendwann auch draufkommen, dass Bischöfe und römische Kurien am längeren Ast sitzen, indem sie die Sache einfach aussitzen bis Gras über alle Skandale bzw. mediale Aufreger gewachsen ist.“

Was tun wir hier also wirklich? Hat das alles einen tieferen Sinn? Warum kommen Sie mittwochs hierher in den Dom? Wir gehen jetzt in’s fünfte Monat unserer Mittwochsgebete. Ich möchte heute dieses 17-te Mittwochsgebet dazu nützen, vor ihnen meine derzeitige Gefühlslage auszubreiten, und ein wenig erzählen, wie es mir geht.

Das nun schon so lange Warten auf eine Entscheidung und Konsequenzen auf den Visitationsbericht, der nun schon bald 7 Monate in Rom liegt, ist auch für mich zermürbend. Der Hoffnungsschimmer, der durch den Brief von Papst Franziskus entstanden ist, verblasst zunehmend. Mehrere Wochen richtete sich die Hoffnung auf die Amazonien-Synode in Rom. Als ich dann am Samstag, den 26. und Sonntag, den 27. Oktober über den Abschlussbericht der Synode las, war ich enttäuscht. Zu zaghaft war von einer Öffnung der Weiheämter die Rede. Von den Frauen findet sich eigentlich nichts Wesentliches. Da bin ich ehrlich gesagt in ein Loch gefallen.

Am Montag, den 28. Oktober bin ich dann am Nachmittag in dieser niedergeschlagenen Stimmung nach Wien gefahren, um dort meinen beruflichen Verpflichtungen nachzukommen. Sehr oft höre während der Zugfahrt Musik über mein Handy. Als ich einfach den Zufallsmix eingeschaltet habe, war das erste Lied jenes von Michael Jackson mit dem Titel „Will you be there“. Dieses Lied ist für mich wie ein Gebet – eine Zwiesprache mit Gott. Das hat mich dann wieder aufgerichtet, weil mir durch den Text des Liedes wieder bewusst geworden ist, worin der eigentliche Grund meines Seins und meines Tuns liegt. Nämlich in der Beziehung zu Gott – und sonst nirgends. Das ist die Antwort, die wir dem unbedarften Beobachter geben können. Wir sind hier und wir tun das unseres Glaubens wegen. Weil wir uns aufgrund unseres Gottesbildes und unserer Gottesbeziehung dazu verpflichtet fühlen.

Ich erlaube mir nun, dieses Lied – dieses Gebet von Michael Jackson mit ihnen zu teilen.

Michael Jackson "Will you be there"

 

Kyrie - Einleitung

Am Sonntag, den 27. Oktober habe ich alles gelesen, was im Internet über das Ende der Amazonien-Synode zu lesen war. Sämtliche Stellungnahmen des Vatikans, von Teilnehmern der Synode und alle Kommentare verschiedener Medien. Auch in der ORF-Sendung Orientierung gab es einen Bericht. Manche Personen, die von Mathilde Schwabeneder interviewt wurden, hatten doch Mühe die mutlosen Teile des Abschlussberichts hinsichtlich der Ämterfrage mit den doch scheinbar bedeutenden Texten hinsichtlich der ökologischen Situation zu übertünchen. Sehr, sehr traurig stimmte mich das Interview von Kardinal Schönborn. Immerhin erhielt er von Papst Franziskus ja die Ehre ins Komitee für die Formulierung des Abschlussdokumentes berufen zu werden.

Er wird wohl wieder einmal alles dazu getan haben, um die Dinge zu verwässern. Wir brauchen den Leuten in Amazonien bei Gott nicht mit unserer 50-jähren Erfahrung mit dem ständigen Diakonat kommen. Sie mögen diese Möglichkeit doch nutzen hat er gemeint. Für verheiratete Männer soll es Ausnahmefälle geben können. Schönborn wörtlich: „Die Stimmung war herzlich und äußerst fröhlich.“ „Der ein oder andere möglicherweise aus dem Kreis der Diakone kann – wenn er sich bewährt hat – geweiht werden.“

Warum hat er eigentlich nicht auch den Katakombenpakt unterzeichnet? Was hält ihn davon ab?

Bischof Erwin Kräutler hatte in seinem ORF-Interview sichtlich Mühe seinen Ärger darüber zu verbergen, dass das Thema Frauenamt so im Abschlussdokument nicht vorkommt. Ich zitiere Bischof Kräutler im ORF-Interview: „Die Bremser sind nicht von dort (Anm. Südamerika)“. „8 von 9 Gruppen der Synode, dass weiß er, haben das Frauendiaktonat vorgeschlagen.“

Was ist da also wieder einmal passiert, dass das Thema Frauenamt nicht explizit im Abschlussdokument vorkommt? Freilich können wir weiter hoffen. Schließlich liegt es nun an Papst Franziskus, was er daraus macht. Kann es uns Hoffnung machen, dass ein Erwin Kräutler im postsynodalen Rat ist? Wird es in naher Zeit möglich sein, diese klerikalen Hardliner, diese ständig auf die scheinbare Tradition und das Kirchenrecht pochenden alten Männer, zu menschenorientierten Seelsorgern zu machen?

Ich bin unendlich traurig darüber, dass unser Kardinal – und mit ihm viele andere kirchliche "Machthaber" – die Zeichen der Zeit einfach nicht erkennen können. Ich weiß manchmal wirklich nicht mehr, wie ich mit diesem Ohnmachtsgefühl zurechtkommen soll.

Kyrierufe

Beim "Gebet für die Diözese" am 6. November folgten an dieser Stelle 5 Kyrierufe, welche konkret auf die Person des Kardinal Christoph Schönborn hin formuliert waren. Für manche war die Formulierung solcher Kyrierufe im Rahmen einer Gebetsstunde unpassend und daher irritierend. Wäre die Intention der Kyrierufe in die Ansprache hineingenommen gewesen, dann wäre dies von der Form her legitim gewesen.
Aus Respekt vor den Gefühlen mancher TeilnehmerInnen der Mittwochsgebete und LeserInnen unserer Homepage habe ich daher die von mir formulierten Kyrierufe entfernt. Meine Kritik an sich und auch meine Emotionalität, mit welcher ich für Veränderungen in der Kirche eintrete, wird mir nicht abgesprochen. Ich gestehe ein, dass Kritik konkreter Personen über ein Kyrie die Gebetsform der Mittwochsgebete missachtet hat und entschuldige mich aufrichtig dafür - ihr Gabriel Stabentheiner.

 

Als MÜNDIGE CHRISTEN stehen wir mit Unverständnis, mit Ratlosigkeit und auch ohnmächtig vor dem Verhalten und der Haltung unserer Kirchenführung und vieler unserer Priester. Beschließen wir unser Beten für diese Menschen musikalisch mit einem Lied der „Söhne Mannheims“ – einer deutschen Musikgruppe rund um den Sänger Xavier Naidoo. Sie singen ein Lied mit dem Titel „Vielleicht“. Der Refrain

Vielleicht hören sie nicht hin. Vielleicht sehen sie nicht gut. Vielleicht fehlt ihnen der Sinn. Oder es fehlt ihnen Mut.

hilft mir immer wieder über meine Ohnmachtsgefühle hinwegzukommen und einen gewissen Trost zu finden.

Söhne Mannheims "Vielleicht"

 

Lesung      Matthäus 5,13-16

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Ansprache zur Lesung

„Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt. Euer Licht soll vor den Menschen leuchten.“ Das klingt verdammt schön. Aber ist das nicht eine ungeheure Herausforderung? Es ist aber auch die Drohung drinnen, dass wenn das Salz seinen Geschmack verliert – zu nichts mehr taugt, dass es dann weggeworfen und zertreten wird.

Bischof Kräutler sagt: „Kirche hat Verantwortung für die Mitwelt.“ Aus diesem Grund haben sie nun den damaligen Katakombenpakt erneuert und erweitert. Es geht nicht nur mehr um die Armut sondern auch um die Mitwelt. Diese Mitwelt umfasst für mich nicht nur die Umwelt im ökologischen Sinn sondern auch alle meine/unsere Mitmenschen. Die Hälfte der Menschheit besteht aus Frauen. Richtig sensibel für die Ungleichbehandlung von Frauen bin ich eigentlich erst vor vier Jahren geworden.

Im Herbst 2015 habe ich zwei syrische Familien bei mir aufgenommen. Ich habe in unserem Wohnblock Wohnungen beschafft und alles mir mögliche getan, um diesen Menschen weiterzuhelfen. Ich war auch bei den Asylverhandlungen dabei und bekam dabei mit, dass dort sehr genau gefragt wurde, wie das mit dem Heiraten war.

Ich werde nie mehr vergessen, wie die eine Ehefrau – sie heißt Hala – bei der Einvernahme erzählt hat, wie das halt so ist in ihren Breitengraden. Die Familien machen sich das untereinander aus, wer wenn heiratet. Den zukünftigen Ehemann hat sie vor der Heirat nur zweimal gesehen. Sie meinte gegenüber dem Asylbeamten: „Es war alles in Ordnung. Es gab die Hochzeitszeremonie und die Liebe kommt später.

Da ist mir erst bewusst geworden, wie weit die Menschheit noch davon entfernt ist, dass die Selbstbestimmung der Frau nur für einen sehr kleinen Prozentsatz aller Frauen weltweit möglich ist. Aus Erzählungen meiner heute 80-jährigen Mutter weiß ich, dass die halbwegige Gleichberechtigung hier bei uns eigentlich auch eine sehr kurze Geschichte hat.

Fast ein Jahr habe ich mit den Männern und den beiden Frauen darüber gesprochen, dass das Tragen eines Kopftuchs wohl nicht im Sinne eines Gottes sein kann. Beim Reden über den doch liebenden Gott war es dann auch möglich, dass beide Frauen in freier Entscheidung das Kopftuch ablegten.

Hala tat sich schwerer zu einer freien Entscheidung zu finden als Rozin, die zweite Syrerin. Am Ende fragte ich sie unter vier Augen: „Hala wovor hast du Angst?“ Ihre Antwort war: „Ich habe Angst Allah zu enttäuschen“ und „Ich habe Angst die Familie zu enttäuschen“. Mir ist in dieser Zeit bewusst geworden, wie Religion oder ein Gott missbraucht wird, um patriarchalische Strukturen zu rechtfertigen. Als Christ bin ich den Moslems gegenüber sehr demütig geworden, weil ich mir eingestehen muss, dass auch unsere Religion die Gleichheit von Mann und Frau noch immer nicht anerkennt.

Heute empfinde ich es als eine Schande wenn alte, verknöchert wirkende Männer in liturgischen Gewändern die Verwehrung von Weiheämtern für Frauen als gottgewollt darstellen. Es ist traurig, dass vermutlich vorwiegend europäische Synodenteilnehmer es geschafft haben, das Thema Frauendiakonat aus dem Abschlussdokument der Amazonien-Synode hinauszudrängen und wieder einer Kommission zuzuweisen. Ich muss mich wirklich zusammen reißen, um meine Wut zu unterdrücken, wenn ich manchen unserer Würdenträger beim Schwafeln zuhören muss, dass das Priesteramt aufgrund von Jesus nur den Männern vorbehalten ist.

Am 2. Oktober hat Gerda Schaffelhofer hier eine sehr klare und eindeutige Ansprache zum Thema Frau in der Kirche abgegeben. Wie das am Anfang bei Jesus war und wie das im Konnex seiner Zeit zu verstehen ist. Und was dann der Lauf der Zeit und die Kirchengeschichte daraus gemacht hat. Wenn ein Gott wirklich so wäre, wenn er das alles wirklich so will, dann ist er nicht mein Gott. So einen Gott braucht man nicht.

Wenn wir als Christen wirklich Salz der Erde und Licht der Welt sein wollen, dann haben wir die Pflicht in Sachen Gleichberechtigung von Mann und Frau als Glaubensgemeinschaft mit guten Beispiel voraus zu gehen. Wenn die Katholische Kirche stark und offensiv dieses Thema angeht, dann würde das in der Welt und für diese Welt viel bedeuten. Es würde viel bewegen. Es würde ein ganz, ganz starkes Zeichen sein. Ein Zeichen, das diese Welt dringend braucht.

Es tut mir gut, dass Paul Michael Zulehner nun eine Online-Petition startet mit dem Titel „Amazonien auch bei uns“. Er will die deutschsprachigen Bischofe in Österreich, Deutschland und in der Schweiz ermutigen, dem Papst auch mutige Vorschläge zu machen – den Kairos der Amazonien-Synode zu nutzen.Es geht um einen Lebensstil, der die Mitwelt schont. Es geht darum, dass Personen die sich in den Gemeinden bewährt haben über das Diakonat zur Priesterweihe kommen können. Frauen soll der Zugang zum Diakonat ermöglicht werden.

Ich habe diese Petition bereits unterschrieben. Wer dies auch tun möchte, kann dies online unter www.amazonien-auch-bei-uns.com. tun. Es liegen hier aber auch Unterschriftslisten auf. Sie sehen, dass ich mittlerweile aus dem Loch, in das ich am Wochenende als die Amazonien-Synode endete, gefallen bin, wieder herausgekommen bin. Man ist ja nicht allein. Sie sind hier im Dom. Und es gibt noch viele andere sogenannte „Verrückte“, die nicht aufhören, das  Brett weiter zu bohren.

Um mich selbst immer wieder darin zu bestärken nicht aufzugeben für meinen Glauben, meine Überzeugung zu kämpfen, höre ich mir sehr oft ein Lied der Söhne Mannheims an. Sie haben ein sehr ermutigendes im Klang dennoch sehr bedächtiges Lied geschrieben, mit welchem ich diese Gedanken zur Lesung abschließen möchte. Es heißt „Volle Kraft voraus“.

Söhne Mannheims "Volle Kraft voraus"

 

Vater unser

Segen durch Prälat Horst Michael Rauter

Schlusslied

Sie haben heute vielleicht ein wenig gesehen bzw. gehört, dass die Welt voller Lieder ist. Lieder bei welchen man sich mit ein wenig Phantasie denken kann, dass Gott zu einem spricht. Oder man über ein Lied selbst zu Gott hin spricht. Viele Liebeslieder kann man dazu verwenden, Beziehungspflege mit Gott zu betreiben. Ich möchte sie heute mit einem Liebeslied von Herbert Grönemeyer verabschieden. Den Text finden sie auch im heutigen Folder. Stellen sie sich beim Anhören vor, dass sie selbst dieses Lied, diesen Text als Liebesbezeugung zu Gott hin sprechen oder singen.

Herbert Grönemeyer "Mehr geht leider nicht"

 

Die bisherigen "Gebete für die Diözese" im Rückblick