Kirche gemeinsam verändern

Ansprache Dechant Janko Krištof als Text

Veröffentlicht von Gabriel Stabentheiner am 24.10.2019
Dechant Janko Krištof
Dechant Janko Krištof bei seiner Ansprache beim Gebet für die Diözese

Liebe Brüder und Schwestern!

Als ich in Frankreich in der Pfarre Gaillon Mitte August eine sehr persönliche Predigt hielt, habe ich der versammelten Sonntagsgemeinschaft gesagt, dass ich von meinem Leben erzähle, um sie einzuladen auch ihr eigenes Leben in dieser Weise zu betrachten. Gleich nach der Messe ist die erwachsene Ministrantenleiterin zu mir gekommen und mir noch in der Sakristei erzählt, wie es dazu gekommen ist, dass sie angefangen hat in die Kirche zu gehen und dann auch den Dienst der Ministrantenleiterin zu übernehmen. Aus dieser Erfahrung heraus möchte ich heute auch sehr persönlich sein und meinen Lebensweg vor euch lebendig werden lassen. Zuerst gleich etwas zu meinem Namen:

Mein offizieller Name ist zwar Johann Alois Krištof, ich werde jedoch seit meiner frühen Kindheit Janko genannt und höre es weiterhin gerne, wenn man mich so nennt. Ich bin also als Kärtner Slowene vor 57 Jahren in Wolfsberg zur Welt gekommen. Meine Eltern und meine beiden Schwestern haben damals noch in Schwabegg gewohnt. Bald danach sind wir nach Wiederndorf bei Bleiburg gezogen und unsere Familie ist dort mit der Geburt meiner drei Brüder weiterhin gewachsen. Mein Vater ist als Hilfsarbeiter bei diversen Baufirmen tätig gewesen und war so nur am Wochenende bei uns, die Mutter war mit uns Kindern und wir mit ihr im ganzen Dorf zuhause. Damals gab es noch viele Möglichkeiten mitzuhelfen und sich wenigstens eine Jause zu verdienen. Um eine gute Grundlage zu bekommen, bin ich gleich 5 Jahre in die Volksschule in Heiligengrab gegangen. In dieser Zeit bin ich auch zweisprachig geworden. Nach einem Wink eines Salesianerpaters sind meine Eltern auf den Gedanken gekommen, mich ins Gymnasium zu schicken. Sie wollten es jedenfalls einmal versuchen. So bin ich mit 11 Jahren nach Klagenfurt ins slowenische Gymnasium und ins Hermagoras Schülerheim Marianum gekommen. Obwohl ich in der Schule nie eine besondere Leuchte gewesen bin, ist es dann nicht nur beim Versuch geblieben. So bin ich 8 Jahre bis zur Matura hier geblieben. Die Prägung in dieser wichtigen Zeit war bedingt durch das Internatsleben, das ich als sehr interessant bezeichnen könnte, die aufgeheizte politische Situation der 70 Jahre, die Arbeit der jungen Kapläne und das mitwirken in der KM ( Katoliška mladina). Wichtig waren wohl auch Priesterpersönlichkeiten im Internat und Gymnasium, die viele Sprachen konnten und uns auch ein wenig die Welt gezeigt haben. Weiters war für mich entscheidend, dass ich im Marianum zu den Pfadfindern gegangen bin und mit der Zeit gelernt habe Verantwortung zu übernehmen. Die Gründung und Leitung einer Pfadfindergruppe in Bleiburg hat in mir den Gedanken ausgelöst, einen Beruf auszuwählen, für andere da zu sein. Persönlichkeitsprägend war schließlich auch das Mitspielen in den Theatergruppen in Bleiburg und im Marianum. Nach der Matura habe ich um die Aufnahme ins Priesterseminar gebeten und war somit der letzte Seminarist den Bischof Köstner aufgenommen hat. So bin ich mit 19 Jahren in Salzburg gelandet. Zu Beginn war es schwer. Kirchlich sozialisiert war ich nämlich bisher nur im Slowenischen. Es war aber auch sehr schön. Wir waren viele aus Kärnten, gemeinsam mit den Salzburgern und Tirolern, und Oberösterreichern. Auch das Leben auf der Uni, in der Stadt. Es war toll. Im Haus haben wir viel gesungen und ich habe dort erfahren, dass die Deutssprachigen mit uns slowenische Lieder gesungen haben und wir dann auch die Kärntnerlieder mit ihnen. So sind wir zusammengewachsen und konnten diesen Geist des Miteinanders in unsere spätere pastorale Tätigkeit einbringen. Mein Externjahr habe ich in Ljubljana gemacht und somit die kirchliche und gesellschaftliche Realität im Kommunismus einige Jahre noch vor dem Zusammenbruch erlebt. Im vierten Jahrgang habe ich mich beim Dante Alghieri Institut zum Italienischkurs angemeldet und so wieder an den Grundkenntnissen angeknüpft, die ich mir schon im slowenischen Gymnasium angeeignet habe. Der Gedanke war, im Sommer danach ein Pflegepraktikum in Turin, im Haus Cottolengo zu absolvieren. Gemeinsam mit einem Seminarkollegen sind wir dann für drei Wochen als freiwillige Helfer im Ordenskranken- und pflegehaus Cottolengo tätig gewesen. Die beglückende Erfahrung dieser Zeit hat in mir etwas in Bewegung gesetzt. Sie hat mir Mut gemacht auch einen größeren Schritt zu setzen. Auf der Rückreise im Zug habe ich meinem Kollegen gesagt. »Ich gehe auch nach Ecuador!« Pep Marketz war nämlich einige Jahre davor in Ecuador und ich habe bis dahin immer gedacht, dass ich so etwas nie wagen würde. Dass ich es ernst meine, habe ich sofort im Herbst damit bestätigt, dass ich mich bei der Volkshochschule in Salzburg zum Spanischunterricht angemeldet habe. Ich hatte Glück: Der Dienstag war der einzige Abend, der vom Haus her noch frei war. Offiziell habe ich so das ganze Jahr weiterhin am Italienischkurs teilgenommen, im verborgenen konnte ich mich aber schon auf das Praktikumsjahr in Ecuador vorbereiten. Von der Seminarleitung habe ich die Genehmigung unter der Bedingung dass ich bis dahin das Studium fertig mache, bekommen. So bin ich dann sehr zielstrebig diesem Ziel entgegengegangen. Nachdem die Diplomarbeit auch fertig geworden ist und ich keine großen Hindernisse gesehen habe, habe ich um die Diakonatsweihe angesucht und am 7. Dezember 1986 in Heiligengrab, gemeinsam mit Franz Ulbing von Bischof Kapellari zum Diakon geweiht worden. Zehn Tage vor dem Abflug habe ich die Abschlussprüfung gemacht. Das war bis zuletzt spannend. Am Palsonntag 1987 bin ich in Ecador in Daule, einer Stadt in der Küstenregion, angekommen und fast ein ganzes Jahr dort verbracht. Zunächst bin ich mitgefahren, nach einem Monat konnte ich schon selbständige Gottesdienste feiern und dann nach und nach eigenständige Verantwortungen übernehmen. Ohne auf die vielen Details einzugehen, kann ich heute sagen, dass in dieser Zeit bei mir die Freude am Priesterberuf noch gewachsen ist und ich dann gestärkt und bestätigt zurückgekehrt bin. Einige Monate vor der Priesterweihe war ich mit Pep Marketz in St. Jakob und konnte mit ihm die reichhaltigen Erfahrungen teilen und reflektieren, aber auch bei ihm die engagierte pastorale Tätigkeit lernen. Nach der Priesterweihe bin ich nach St. Michael ob Bleiburg gekommen und habe dort fünf Jahre als Kaplan verbracht. Diese Zeit war gekennzeichnet von der Jugend- und Ministrantenarbeit. Ich habe weiter mit den Pfadfindern gearbeitet und auch in St. Michael eine Gruppe gegründet. Bald war ich geistlicher Assistent der Katoliška mladina. Gleich zu Beginn aber bin ich zur Priestergemeinschaft JESUS CARITAS gegangen und wir haben eine Bruderschaft in Kärnten gegründet. So hatte ich gleich eine größere Anzahl von Priestergruppen: da war die Dekanatskonferenz, die SODALITAS, die Kaplansgruppe und noch eine andere Gruppe, genannt THT. Nach fünf Kaplansjahren kam die Zeit eine eigenständige Pfarre zu übernehmen. Es war St. Margareten im Rosental und dazu auch Rottenstein. Ich war sehr froh und durch viele Jahre richtig euphorisch. Manches, was ich als Kaplan nicht verwirklichen konnte, war nun möglich. 17 Jahre war ich dort. Es waren keine eintönigen Jahre,sondern Jahre mit viel Bewegung und Veränderung. Früh schon habe ich die Aufgabe des Dechants übertragen bekommen. Ich habe zusätzliche Verantwortung für Zell Pfarre und Waidisch bekommen, kurz auch einen Kaplan und dann einen Seelsorgshelfer. Ich habe mich im Bereich der Geistlichen Begleitung weitergebildet und sogar den großen Exerzitienleiterkurz in Lainz absolviert. Exerzitien habe ich dann nie geleitet, wohl aber bin ich im Bereich der geistlichen Begleitung geblieben. Einige Jahre habe ich auch das Exerzitienreferat unserer Diözese geleitet. Drei Jahre lang habe ich einen Französischkurs gemacht, ohne richtig zu wissen warum. Ich wollte einfach noch eine Sprache dazu lernen. Vor etwas mehr als zehn Jahren habe ich die Pfarre gewechselt, jedoch nicht das Dekanat. In Ludmannsdorf habe ich eine sehr lebendige Pfarre übernommen und die Arbeit meines Vorgängers Leopold Kassl fortgesetzt. Für ihn war das Apostolat der Laien an erster Stelle. Er hat nicht nur immer wieder davon gesprochen, sondern es auch in der Praxis gelebt. Ich durfte an dem anknüpfen und die vielen pfarrlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die schon da waren auf diesem Weg weiterhin ermutigen. Nach zehn Jahren darf ich dankbar feststellten, dass die Lebendigkeit der Pfarre nicht abgenommen hat, sondern sich noch entfaltet hat. Trotz meiner zahlreichen Tätigkeiten, lebt die Pfarre in ihrer Vielfalt. Sehr zufrieden und immer wieder selbst überrascht bin ich mit der Pfarre St. Egyden, die ich vor sieben Jahren übernommen habe. Manchmal kann ich es gar nicht richtig glauben, was hier in diesen Jahren gewachsen ist. Und das fast ohne mich. Engagierte Gläubige, die es verstanden haben, dass es jetzt keinen Priester im Ort mehr gibt, der alles selbst macht und bestimmt. Einer und eine ermutigt den anderen und die andere. Meine Aufgabe ist es zu ermutigen, Anregungen zu geben und aufzunehmen, dem Pfarrgemeinderat und dem Gottesdienst vorzustehen, gebührende Anerkennung zu schenken, manchmal sogar zu bremsen (nämlich die Allzueifrigen). Als besonders gutes Beispiel sehe ich den Sozialausschuss. Wir sind zusammengesessen und einander erzählt, wie es uns beim Besuchsdienst geht. Zu zweit werden jeweils alte und kranke Menschen besucht. Die Leute bringen einen Gruß von der Pfarre mit, bleiben einbisschen sitzen, gehen wieder und kommen, je nach Wunsch und Situation, in gewissen Abständen wieder. Ich habe ihnen beim Abschluss der Runde gesagt, wie sehr ich ihr Wirken als seelsorgliches Wirken sehe und wie sie den Menschen auf diese Weise vermitteln, dass sie ein Teil der Pfarre sind und letztlich auch die Botschaft bringen, dass Gott sie in der Krankheit, in der Gebrechlichkeit nicht vergisst. Sie tun einen seelsorglichen Dienst, den sonst ich als Priester wahrnehmen müsste, es aber so nie schaffen könnte. Das selbe gilt auch für alle anderen Bereiche des pfarrlichen und kirchlichen Engagements. Als Pfarrer kann ich so nur dankbar sein und muss mich nicht damit belasten, dass ich diese vielen Aufgabe einfach nicht schaffe. Ich bin ja auch noch Dechant, bin bischöflicher Visitator der Pfarren der Dekanate Völkermarkt, Eberndorf und Bleiburg, geistlicher Assistent der Katoliška Akcija, Mitglied des Personalreferates f. Priester, Vorsitzender des Christlichen Kulturverbandes / Krščanska kulturna zveza. Und seit einigen Jahren kann ich noch auf meinem zweiten Verkündigungsweg das Wort Gottes auf der Bühne verkündigen. Gemeinsam mit Musikern und unter professioneller Begleitung konnte ich so in den letzten zehn Jahren Paulus, Bischof Slomšek, Charles de Foucauld, die Propheten und die Evangelientexte in der Aufführung „Sein Antlitz“ hörbar und erfahrbar machen. Auf diese Weise konnte ich, das was mir in der Jugendzeit möglich war, in meinen reifen Jahren noch zur Entfaltung bringen. Ich darf nun noch kurz erzählen, wie es dazu kam, dass ich eine Sabbatzeit in Frankreich machen konnte: Im Juli 2018, habe ich mich in Stična, dem einzigen Zisterzienserkloster in Slowenien zu einer Woche der Stille und des Gebetes zurückgezogen. Als Begleitbuch habe ich die Erfahrungen von Andreas Knapp, die er gemacht hat, als er für 40 Tage alleine in eine Eremitage mitten in der Wüste gelebt hat, mitgenommen. Dabei reflektiert er über den Verlauf seines Lebens und bringt es mit Bibelstellen in Verbindung. Dieses Buch war auch für mich sehr inspirierend, denn in meinen Jahren ist es an der Zeit zurückzublicken, was bisher gewesen ist und darüber nachzudenken, was man auch weiterhin behalten und stärken möchte, was aber andererseits abzulegen wäre. Davor schon habe ich über eine Sabbatzeit nachgedacht und war überzeugt, dass ich so etwas nicht brauche. Ich bin ja glücklich in meinen Aufgaben, motiviert und mit genug Lebenskraft ausgerüstet. So habe ich gedacht. Aber dann war da plötzlich die Frage, ob ich nicht doch in mir noch Sehnsüchte trage, die nach einer Verwirklichung rufen. Und da habe ich in meinen jungen Jahren angeknüpft und es sind mir etliche Dinge eingefallen, die ich noch machen möchte. Und so habe ich für mich ein Konzept gemacht, wie ich die nächsten zehn Jahre gestalten möchte: ein Sabbatjahr aufgeteilt auf sechs je zweimonatige Erfahrungen im Ausland, Erfahrungen von Kirche mit gleichzeitiger Vertiefung der Sprachen, die ich bisher schon lernen konnte. Mit diesem Konzept bin ich im Herbst zu Engelbert Guggenberger, dem damaligen Diözesanadministrator gegangen und bin bei ihm auf offene Türen gestoßen. Er hat mich sofort ermutigt und gemeint, ich soll das machen, denn das wird sowohl für mich als auch für meine Pastorale Arbeit fruchtbar sein. Und somit konnte ich mit den Vorbereitungen beginnen.

2. Teil

Nach der so erfreulichen Zusage der Diözesanleitung, lag es an mir, mich zu entscheiden, welche Erfahrung die erste sein sollte. Für Frankreich war dann entscheidend, dass ich von allen Sprachen noch am wenigsten Französisch kann und ich jetzt zu Beginn gleich etwas Schwierigeres wählen sollte. Außerdem bin ich jetzt noch halbwegs jung und werde noch leichter in die Sprache hineinfinden. Es war da aber auch die Erfahrung, die ich vor einigen Jahren beim Welttreffen der Verantwortlichen der Priestergemeinschaft JESUS CARITAS in der Nähe von Paris gemacht habe, die mich dazu beflügelte. Über das Wochenende waren wir nämlich auf Pfarren aufgeteilt und da habe ich beim Sonntagsgottesdienst gemerkt, wie viele Menschen mitgewirkt und wie lebendig der Gottesdienst gestaltet war. Besonders angetan war ich von der Praxis, dass etliche kleine Gefäße am Altar vorbereitet waren, in die der Pfarrer Hostien gelegt hat und einzelne Gläubige sie danach den Kranken und Alten gebracht haben. Eine zweite Begebenheit war dann auch, als wir bei der Familie des Diakons zum Abendessen eingeladen waren, kamen wir auch über die Begräbnispraxis ins Gespräch. Dabei hat sich herausgestellt, dass dort die Begräbnisse nicht der Pfarrer, auch nicht der Diakon hält, sondern die Frau des Diakons mit einem Team. Das hat mich damals absolut fasziniert und ich habe den Gedanken in mir getragen, wie einfallsreich und kreativ die Kirche sein kann, wenn gewisse Selbstverständlichkeiten wegfallen. Ich habe mir gedacht, dass es gut wäre, auch bei uns rechtzeitig Laien für Dienste und Aufgaben zu befähigen und zuzulassen, und uns nicht bloß auf die Hilfe der Priester aus dem Ausland zu verlassen. Nun, es war mir bald klar, dass es zu Beginn die französische Kirche sein sollte in der ich eine konkrete Erfahrung machen möchte. Über die Priestergemeinschaft Jesus Caritas habe ich Kontakt mit Mitbrüdern in Frankreich bekommen und schließlich die Einladung in die Normandie. Der Mitbruder Jean Francois Berjonneau hat mir im Namen der dortigen Pastoralgemeinschaft zugesagt, dass sie mich mit Begeisterung „ avec entusiasme“, für zwei Monate aufnehmen. Sie hätten nämlich erst seit einem Jahr ein Projekt im Laufen. Ein größeres pastorales Gebiet, zwei Pfarren mit insgesamt 47.000 Einwohnern, wird von einer Gruppe von vier Priestern und vier Laien betreut. Sie versuchen auch den Auftrag von Papst Franziskus „ an die Ränder“, „hinaus“ zu gehen zu verwirklichen. Für mich hat das sehr gepasst und habe sofort die Zusage gegeben, dass ich dorthin komme. In der Zwischenzeit habe ich begonnen auf BABBEL einen Internetkurs in Französisch zu machen, die Grundgebete und Messgebete zu lernen und langsam dann auch das Brevier auf Französisch zu beten. In der Zwischenzeit habe ich in Slowenien einen jungen Priester gefunden der bereit war zwei Monate in meinem Pastoralbereich zu leben und mich zu vertreten. Er hat schon gut deutsch gesprochen und freute sich ebenfalls auf eine Herausforderung und auch sein Bischof war bereit ihn für diese Zeit freizustellen. Die beiden Pfarren waren zunächst ein bisschen verblüfft über mein Vorhaben, als sie jedoch erfuhren, dass ich einen Vertreter organisiert habe, haben sie sich auch beruhigt. Es war so ein sehr intensives Jahr der Erfüllung aller Aufgaben, die ich übernommen habe und der gleichzeitigen intensiven Vorbereitungen auf Frankreich. Umso schneller ist diese Zeit vergangen und am 1. Juli bin ich in aller Frühe mit meinem Auto aufgebrochen um die 1350 Kilometer bis zu meinem Ziel in zwei Tagen zu bewältigen. Ich habe nicht nur meine beiden Pfarren und das Dekanat zurückgelassen, sondern auch die gerade neu entstandene Situation in unserer Diözese. Ich selber war sehr aufgebracht und ich habe gemerkt, wie es etlichen Gläubigen in den Pfarren geht. Die Kirchenchorleiterin und der Organist haben gesagt, dass sie noch in der nächsten Woche austreten werden. Ich konnte die Situation nicht mehr mitgestalten, aber ich habe die Leute ermutigt sich lieber zu erheben und den Protest zum Ausdruck zu bringen, statt aus der Kirche auszutreten.

3. Teil

Erfahrungen in Frankreich

Im Folgenden möchte ich nun versuchen einige Erfahrungen zu benennen, die für mich fundamental gewesen sind und ich mir wünsche, dass sie auch weiterhin mein Leben und mein pastorales Wirken bestimmen:

Die Erfahrung des Fremdseins: obwohl ich so herzlich aufgenommen worden bin und ich eine sehr schöne und geräumige Wohnung im Pfarrhof bekam, obwohl ich so oft zum Essen eingeladen worden bin, obwohl ich mich nach Möglichkeit auch sprachlich auf diese Erfahrung vorbereitet habe, ist mir die Erfahrung des Fremdseins nicht erspart geblieben. Wie oft bin ich danebengestanden und am Tisch stumm geblieben, da ich nicht mitbekommen habe, worüber sie reden. Ich wusste zunächst auch nicht, was sich am Tisch und im Umgang gehört und was nicht.

Erfahrung des Anfängerseins: diese Erfahrung hängt mit der ersten eng zusammen, ist aber doch noch etwas anderes. Um Neues kennenzulernen ist man ja im Grunde bereit, das Fremdsein und das Anfängersein in Kauf zu nehmen und man weiß, dass die Vertrautheit Zeit braucht. Es aber dann intensiv und existenziell zu erfahren, ist dann doch noch eine andere Sache. Dinge die jedes Kind schon weiß, sind für dich neu. Ich weiß nicht wie man einander grüßt, was üblich ist, ich kenne mich geographisch nicht aus, auch nicht im Beziehungsgeflecht. So war es meine Aufgabe zu beobachten, zu fragen, mich zurückzunehmen. Und ich hatte Gelegenheit dazu. Ich musste nicht gleich etwas leisten, sondern hatte eine gute Zeit des Mitgehens, Dabeiseins, …….Es war ja auch dort Sommer, Ferien- und Urlaubszeit. Es war übrigens im Juli ebenso sehr heiß. Und Paris habe ich auch deshalb nicht besucht, weil an dem Tag, an dem das geplant war der heißeste Tag überhaupt war.

In enger Verbindung ist damit auch die Erfahrung der Distanz. Man ist für eine längere Zeit weit weg von den vertrauten Menschen, den Aufgaben, den Lebensabläufen. Man hat die Gelegenheit in gewisser Weise im Spiegel der neuen Wirklichkeit all das zu reflektieren, was man sonst lebt. Fundamental war da die Erfahrung der Lockerheit der Franzosen und der reichen Esskultur. Man nimmt sich viel Zeit beim Essen und man nimmt von jedem Gang nur ein bisschen. Nach zwei drei Stunden ist man zwar wirklich auch satt, aber man hat nicht das Völlegefühl. Man trinkt auch kaum ohne auch etwas zu essen. Als ich mich einmal wegen einer Verspätung im Vorfeld solche Sorgen gemacht habe, konnte ich beim Ankommen merken, dass ich der einzige war, der sich aufgeregt hat.

Und nun zur konkreten Erfahrung der Kirche in Frankreich. Dabei muss ich vorbemerken, dass es von Anfang an nicht mein Ansinnen war, nach Frankreich als Tourist zu gehen. Trotzdem konnte ich einige besondere Orte besuchen: Mont Saint Michel, Lisieux, Chartres und Rouen. Nicht nur an diesen ganz besonderen Stätten konnte ich die außerordentliche Architektur besonders der Normannischen Gotik bewundern, sondern auch in den kleineren Städten und in den Dörfern stehen jeweils romanische und gotische Kirchen und Kirchlein. Sie alle gehören seit dem Jahr 1905 nicht mehr der Kirche sondern sind Eigentum des Staates. Für die Dorfkirchen haben die Bürgermeiser zu sorgen, die größeren Kirchen sind unter der Landesverwaltung und die ganz großen Kathedralen sind unter der Obhut des Staates. Die Kirche ist Benützerin und hat in einigen Bereichen auch Mitspracherecht. Ich war in der Diözese Evreux, konkret in Les Andelys und Gaillon, beide Städte liegen an der Seine etwa 100 Km nördlich von Paris. Gaillon hatte eine relativ kleine, nicht besonders schöne Pfarrkirche, Les Andelys jedoch eine große Kollegiatskirche in reiner normannischer Gotik. (Es ist übrigens auch der Ort, wo Richard Löwenherz einst die britannische Macht verteidigt hat.) Diese Kirche ist zu einem Drittel für die Seelsorge und die Touristen zugänglich, der übrige Teil ist Baustelle. Die allermeisten Kirchen sind nicht in einem besonderen Zustand. An vielen sieht man heute noch die Spuren einstiger Zerstörung, die wohl viele auf die Zeit der französischen Revolution zurückgehen. Viele Landkirchen werden nur noch selten gebraucht, einige sind ganz geschlossen. Oft sind es Taufen, Trauungen und Begräbnisse, die noch Anlass geben diese Kirchen zu benützen. Die Pfarren sind groß und man kann an der Anzahl der Kirchtürme, der „clocher“ ablesen, um wie große Gebiete es geht. In den beiden Pfarren wo ich war, hatte die eine 15 und die andere 21 Kirchtürme. Einen Samstagabend machte ich in einer Pfarre mit dreißig Kirchtürmen Aushilfe. Sie aber haben jetzt den eigenen Pfarrer verloren und werden der Nachbarpfarre angegliedert, die schon vierzig Kirchen hat. Wie da noch Seelsorge gewährleistet wird, kann ich mir nicht gut vorstellen. Viele dieser Kirchen schienen mir wie Tote, die noch nicht begraben sind. Der Sonntagsbesuch ist dementsprechend klein. In den Sommermonaten hatte man die Vorabendgottesdienste gestrichen und jede Pfarre hatte nur einen Sonntagsgottesdienst mit etwa insgesamt 400 Gläubigen. Ich nahm meistens in der Pfarre Gaillon teil und habe eher dort Lebendigkeit erfahren. Die Gottesdienste werden von Laienteams vorbereitet. Die Animateuere, Lektoren, Kantoren, Musikgruppen, Ministranten sind schon rechtzeitig da. Der Priester hat nur den Gottesdienst zu leiten und zu predigen. Für Kinder gab es ein besonderes Programm. Sie sammelten sich beim Gloria und gingen zum Wortgottesdienst in einen Nebenraum. Bei der Gabenbereitung kamen sie wieder und machten bei der Gabenprozession mit. Die Verstorbenen der vergangenen Woche wurden besonders genannt und für sie wurden Kerzen zum Altar gebracht. Die Täuflinge wurden im Gottesdienst vorgestellt, auch wenn die Taufe erst danach stattgefunden hat. Für die Taufen, Trauungen und Begräbnisse gibt es besondere Teams, die zuständig sind und mit den Familien alles vorbereiten.

Der Priester, der mir besondere Gastfreundschaft gewährte hieß Jean Francois Berjonneau.ER hat auf mich einen sehr nachhaltigen Eindruck gemacht und ich möchte ihn euch deshalb kurz vorstellen. Er hat gerade seinen 75. Geburtstag gefeiert und ich konnte noch an einigen Nachfeiern teilnehmen. Er hat mich vor allem in der ersten Zeit viel mitgenommen und mich an seinem Engagement teilnehmen lassen. Dies waren eine Bibelrunde (insgesamt leitet er vier), ein Abendessen bei einem evangelikalen Pastor und seiner Frau, ein Vorbereitungstreffen für Exerzitien im Alltag an einer kirchlichen Mittelschule, ein Tag mit einer Gruppe, die sich im Migrationsmillieau bemüht mit den Moslems im Gespräch und lebendigen Austausch zu bleiben, ein Nachmittag mit einer Gruppe „Glaube und Licht“, ein Vormittag mit dem Pastoralteam der Region Gaillon – Les Andelys, ein Bruderschaftstreffen der Gruppe JESUS CARITAS, ein Wüstentag in der Abtei Bec-Hellouin. Seine gut vorbereiteten Predigten waren allesamt engagiert und voller Herzblut. Im Austausch konnte ich merken wie sehr er von dem Gedanken geleitet ist, die Menschen zusammenzuführen, Beziehungen zu stiften und das Evangelium den Menschen zu bringen und zwar so, wie Charles de Foucauld es gemacht hat, mit der Freundlichkeit und Freundschaft zu den Menschen. Er war als junger Priester neun Jahre bei einem Bauunternehmen als Arbeiterpriester tätig, hat sich im Bereich Migration engagiert, wurde in diesem Bereich zunächst Diözesanverantwortlicher, dann Nationalverantwortlicher und schließlich auch einige Jahre bei der zuständigen Kongregation in Rom. In der Zwischenzeit hatte er auch einige Zeit in Algerien gelebt. Acht Jahre lang war er neben Bischof Gaillot Generalvikar. Sehr gelitten hat er unter der wachsenden Polarisierung zwischen der jungen überaus konservativen Priestergeneration und dem, was er sein ganzes Leben versucht hat in die Kirche und in die Welt einzubringen. Er wollte es nicht hinnehmen, die Weise wie er sich als Priester verstanden hat und wie er gewirkt hat, als „Auslaufmodell“ zu gelten. Sein großer Wunsch war, sich in seiner verbleibenden Zeit von den Verantwortungen zurückzuziehen und noch ein Buch zu schreiben in dem er seine Lebenserfahrungen zu Papier bringen und der Nachwelt hinterlassen könnte.

Die zwei Monate an einem konkreten Ort haben mir auch ermöglicht ein wenig tiefer hineinzublicken in das Beziehungsgeflecht. Ich habe die Anfangsschwierigkeiten miterlebt, die die beiden Pfarren haben, die gerade erst zu einer Seelsorgeeinheit geworden sind. Ich habe die Kommunikationsunfähigkeit des Dechants und Leiters der Pastoralgruppe leidvoll miterlebt, die Konflikte und die Lebendigkeit die ein charismatischer Priester in nur einem Jahr in die Pfarre Gaillon gebracht hat, und ebenso die Buntheit der Gesellschaft und Kirche, die durch den Zustrom von Menschen aus den ehemaligen Kolonien mit sich gebracht hat. Überall jedoch konnte ich einen Kreis von engagierten Laien sehen, die viel Kraft, Zeit und Dynamik in die Kirche einbringen. Sie versuchen dort heute, unabhängig von der Größe und der Menge der Herausforderungen Kirche am Ort zu leben und zu gestalten. Auch sie fühlten sich durch den Zuwachs der extrem konservativen jungen Generation von Priestern gefährdet und bedrängt. Mir ist bewusst geworden, dass die Konflikte und Spannungen und der Kirche nicht mit der Anzahl der Gläubigen abnehmen und somit der Gedanke der „Gesundschrumpfung“ keine reale Grundlage hat. Gewachsen ist in mir die Überzeugung, dass die Laien, die sich heute bei uns in den verschiedenen Diensten einbringen von uns Priestern respektiert, gestärkt, begleitet, gefördert und bedankt werden müssen. Ich glaube zwar, dass ich das in meinen beiden Pfarren Ludmannsdorf und St. Egyden schon bisher gemacht habe, ich möchte es aber in Zukunft noch viel bewusster tun. Die Pfarren zum Bewusstsein führen, dass sie selbst Subjekt sind und den Gläubigen vermitteln, dass sie für das Wachstum ihres Glaubens selbst verantwortlich sind, sehe ich als einen meiner Grundaufträge für die Zukunft. Mag sein, dass uns manches Sorgen macht und belastet, aber wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott auch eine gute Zukunft für die Kirche in Kärnten bereitet.

Janko Krištof