Kirche gemeinsam verändern

Mittwochsgebet 28.08.2019 - Ansprache Anna Maria Kapellter

Veröffentlicht von Gabriel Stabentheiner am 28.08.2019
Kapeller Anna Maria
Mag. Anna Maria Kapeller

Unter dem Motto: „bleiben.erheben.wandeln“ - 50 Tage 50 Frauen – also in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten – gaben 50 katholische Theologinnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, täglich ein Statement ab, warum sie trotz der Situation in der Kirche, über die Sie sehr unzufrieden sind - vor allem wegen der fehlende Gleichstellung von Mann und Frau, aber nicht nur  - warum sie trotz alldem in der Kirche bleiben

Warum - bleiben? Eine Frage die ich gut kenne, die mir auch oft gestellt wird und ich muss zugeben, dass ich sie mir selber auch schon gestellt habe. Aber genau wie die diese Theologinnen fühle ich mich stark mit der katholischen Kirche verwurzelt, sie ist Teil meiner Identität.Wie diese Frauen sehe ich die Ist-Situation der katholischen Kirche äußerst kritisch – versuche nicht wegzusehen, oder zu verdrängen.

Und ich bin wie sie der Meinung, dass ein Wandel geschehen kann, wenn wir in der Hoffnung bleiben, dass wir auf eine Zeit zugehen, in der die Kirche eine Gemeinschaft „der Gerechtigkeit, des Friedens und der Freude im Heiligen Geist (Röm 14,17)“ für alle Frauen und Männer unserer Kirche ist.

Es gibt also 50 Texte – so unterschiedlich wie die Frauen  - alle lesenswert und noch immer im Internet unter „bleiben erheben wandeln“ zu finden.

Am Pfingstmontag hat Frau Angelika Walser, Prof.in für Moraltheologie und Spirituelle Theologie (Uni Salzburg), ihr Statement veröffentlicht - ein Text der mich sehr berührt hat, er spricht mir aus dem Herzen.

Warum ich bleibe - von Angelika Walser

Ich suche einen Ort – nenn Du ihn Heimat, wenn du willst – wo das Geklingel aller Kassen schweigt und die brillanten Reden auch. Wo Trauer sein darf und auch Tränen und helles Lachen, wie es halt grad kommt.Wo jeder Wortschwall endlich aufhört, und so dem Schweigen seinen Raum gibt. In tiefer Dunkelheit, im Bauch von Mutter Kirche, brennt eine Kerze: Erzählt von meiner Trauer um den toten Freund, von meiner Sehnsucht nach Versöhnung, von alledem, was jämmerlich zerbrochen ist und nun im Dunkeln ruht. Dann lausche ich, ob jemand noch die Worte sagt, die selten laut zu hören sind, dort draußen in der Welt, und die wir doch so dringend bräuchten: Glaube.Hoffnung.Liebe.

Ich such den Ort, an dem das wohnt, was nur im Schweigen zu ertasten ist und sich entzieht. Wo niemand jemals funktionieren muss und das Gesicht des Anderen heilig ist. Wo Arme weit geöffnet sind für mich, und Wunden endlich heilen können. Wo ich vertrauen darf, dass Menschen meine Hoffnung teilen, und meine Sehnsucht nach dem echten Leben, und auf ein Urteil gern verzichten, weil niemand immer alles weiß. Wo das Geplapper ganz verstummt und fromme Phrasen längst verhallt sind, wo Menschen fest zusammenhalten und dabei diese Welt umarmen und für sie streiten, Tag für Tag, auf Augenhöhe: Frau und Mann, und was die Schöpfung sonst noch kennt.

Wo Einer nicht nur etwas gibt, sondern sich selbst, und immer ganz für uns. Von ihm muss man erzählen in allen Farben, aller Weisheit von Tönen, Psalmen und Gebeten, die seit Jahrhunderten die hohen Räume füllen: Engelschöre mit Schall und Rauch. Regenbogentöne. Lichtkaskaden.

Wer würde sonst noch von ihm sprechen,nach dem Geheimnis suchen, für das es sich zu leben lohnt – sogar zu sterben, wenn's denn sein muss?

Ein Ort, wo alle Ängste still sind, und man genau so sein darf wie man ist, mit seinen Zweifeln, seinen Leiden. Wer könnte denn nicht Sehnsucht haben nach diesem Ort, an dem die Waffen schweigen, an dem die Hände offen sind wie leere Schalen, die mehr denn je auf die Erfüllung warten?

Und deshalb bleibe ich. Für meine Töchter und die Vielen, die immer noch voll Hoffnung warten auf eine Kirche, die auf den zeigt, der alleine zählt. Nur dazu ist sie da. Und sonst für nichts und niemanden.

Und irgendwann in ferner Zeit wird sie nicht mehr notwendig sein,.doch heute brauchen wir sie noch als einen Ort, der Heimat für so Viele ist. So auch für mich. Trotz alledem und nach wie vor. Ich lass' ihn mir nicht nehmen, diesen Ort.

(Prof.in Dr.in Angelika Walser)