Kirche gemeinsam verändern

Mittwochsgebet - 10.07.2019 - Ansprache Hans-Peter Premur

Veröffentlicht von Gabriel Stabentheiner am 13.09.2019
Premur
Hans-Peter Premur

Liebe Kirchenbürgerinnen und Kirchenbürger,

so darf ich Sie heute begrüßen, denn wir sind alle – ob Kleriker oder Laie – Bewohner der CIVITAS DEI, der Kirche. Wer meint, dieser Begriff suggeriere Kleinbürgerlichkeit  und biederes Glaubensleben, der irrt. Mit dem Blick auf den Apostel Paulus wird in einem Moment klar, wie wichtig das Bürgerrecht für die Kirche und das gesamte Christentum war und ist. Wenn Paulus sich selber nicht auf sein römisches Bürgerrecht berufen hätte, würde das Christentum heute sicher ganz anders aussehen.

In der Auseinandersetzung mit dem römischen Oberst, der ihn verhaftete, beruft sich Paulus explizit darauf: „Ich bin als Römer geboren..“ Und der Oberst lamentiert: „Ich habe für dieses Bürgerrecht ein Vermögen gezahlt.“ (Apg 22,28) Insofern ist es nur logisch und deshalb auch immens bedeutsam, wenn Paulus weiter im Epheserbrief schreibt: „Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“ (Eph 2,19). Wenn wir nun Bürgerinnen und Bürger Seiner Kirche sind, dann haben wir eben auch Rechte und Pflichten in ihr auszuüben. Als mündige Bürger sind wir auch mündige Christen und Teil eines Kirchenvolkes, das sich nun jeden Mittwoch hier in einer Art Bürgerrechtsbewegung versammelt und miteinander betet.

Wir haben am 3. Juli vor einer Woche hier gemeinsam erlebt, dass ein Ereignis stattgefunden hat, das man durchaus als UR – kirchlich bezeichnen kann. In unserer Kirchenbürgerversammlung wurde gleichsam per Akklamation Dompropst Engelbert Guggenberger als geeigneter Kandidat für das Bischofsamt von allen Anwesenden lautstark bestätigt. Wie von selbst drängten sich  Parallelen  zur legendären Bischofsernennung der Hl. Martin von Tours auf. Ohne Guggenberger heilig sprechen zu wollen, hatte er wie der Hl. Martin niemals vor, von sich aus das Bischofsamt anzustreben. Und ebenso wie Martin damals –  wegen des Umgangs mit dem geistlichen Lehrer Priscillian – die Ethik der mit der Staatsgewalt verhaberten Bischöfe schwer kritisierte, so hat auch Guggenberger mit dem aktuellen Bischofskollegium seine schweren Probleme.

Am Mittwoch vor einer Woche erlebten wir ein dramatisches gemeinsames Aufstehen gegen VERTUSCHUNG und VERSCHWEIGEN durch ein patriarchales System. Ein leider üblicher Vorgang bei den Themen um Missbrauch, auch wenn es um die Macht geht. Gegen diesen unheilvollen Systemautomatismus hat sich – wie Dompfarrer Peter Allmeier gesagt hat – aus der Mitte der Kirche, aus dem Dom zu Klagenfurt, der „sensus fidelium“, das Gespür des Volkes, kräftig zu Wort gemeldet.

Aber : Warum stehe ich heute hier?? Und Warum sollen wir nicht locker lassen? Ich möchte dafür zwei Gründe anführen:

Es war Jakob Ibounig selbst, der vorigen Mittwoch vom zum Unwort gewordenen Begriff „Apostolisch“ gesprochen hat. Ich stehe heute hier, weil ich mir erwarte, dass „apostolisch“ wieder mit dem Inhalt des eben gelesenen 23. Psalm  zusammengeführt wird: „… dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht ...“.

Ich erwarte mir deshalb auch eine angemessene APOSTOLISCHE REAKTION im Sinne dieses Psalmwortes und nicht eine typische systemische Reaktion. Ich erwarte mir Klarstellungen, damit wieder Ruhe einkehren kann, und die Vernunft wieder die Oberhand über Vorurteile und Emotionen bekommt. Eine apostolische Reaktion, die aber auch dem Gerechtigkeitsempfinden der Menschen in diesem Land entgegenkommt. Denn es ist ungerecht, wenn die Opfer zu Tätern werden. Eine klassische Täter-Opferumkehr ist ein unerleuchteter Systemautomatismus! Ist die Absetzung des Diözesanadministrators Engelbert Guggenberger etwas anderes als eine Bestrafung?? Es stellt sich nur die Frage nach einer Bestrafung für was?? Weil hier jemand dem Gewissen gegenüber mehr gehorsam war als einem Zweizeiler aus Rom gegenüber?? Eine Bestrafung auch für das Kirchenvolk, das seit der Mariatroster Erklärung über die Gewissensfreiheit der Christen im Umgang mit der Antibabypille viel zu ungehorsam geworden ist?  Oder war es der „Aufruf zu Ungehorsam“, der vor etlichen Jahren Papst Benedikt bis ins Mark erschütterte – und mit ihm ganz Rom – , den die Pfarrerinitiative Österreich tätigte, um auf Missstände in der Pastoral hinzuweisen , der noch in römischer Erinnerung war..... All das könnte Motiv für die Absetzung Guggenbergers gewesen sein.

In Wirklichkeit stellt sich uns heute aber die Frage: Wie kann ein mündiger Christ überhaupt gehorsam sein? Sind ja die 3 Evangelischen Räte Keuschheit, Armut und Gehorsam das unbedingte Dreierpaket für alle kirchliche Spiritualität. Ich will heute hier nicht über mangelnde Armut oder etwa die Keuschheit reden, nein es geht um den Gehorsam. Dieser ist gegenüber Gott und dem eigenen Gewissen einzufordern. Genauso muss ein Kirchenbürger – egal welchen Stand er im Gefüge der Hierarchie einnimmt – den Gesetzen eines Landes gegenüber gehorsam sein. Für die Kirche selbst aber sind es auch die „Zeichen der Zeit“, die systemischen Gehorsam verlangen, und natürlich ist es auch die Tradition selbst, auf die man hören muss. Dabei darf nicht vergessen werden, dass dem Wort Tradition ein doppelter Sinn zukommt. Überlieferung einerseits und Verrat andererseits. Ein leere Hülse weiterzugeben ist keine heilige Tradition.

Zur Zeit wird viel über die Mittelmeer Kapitänin Carola Rackete gesprochen, die mit ihrem Ungehorsam ein Boot voller Flüchtlinge an Land gesteuert hatte und damit dutzende Menschenleben gerettet hat. Sie selber sagte: „die Pflicht zum Ungehorsam gilt nicht nur für tyrannische oder totalitäre Systeme. Sie ist das Salz der Demokratie. Die Bürger sind keine Untertanen..“ Hier schließt sich der Kreis zu unserem Begriff der Kirchenbürger und Kirchenbürgerinnen und zu Henry David Thoreau, dessen Buch „Die Pflicht zum zivilen Ungehorsam“ in den USA neben der Heiligen Schrift oft gemeinsam in den Nachtkasteln liegt, weil klar ist: eine Demokratie ohne Gewissen und dessen Ausübung hat keinen Bestand.

Guggenberger und das Domkapitel geben deshalb auch das Bild eines modernen Beispiels  vom Leben der Kirche und machen damit anderen Mut.

Nach einer solchen Apostolischen Reaktion kann auch der 2. Schritt gelingen: der NEUSTART. Viele Gespräche, privat und in der Öffentlichkeit, zeigen, dass die Verwirrung groß ist. Die Eliten unseres Landes, die Netzwerker in feudalen und klerikalen Filzbereichen – Freimaurer und Lodenträger mögen sich ruhig angesprochen fühlen – empören  sich laut oder leise über die Empörer in den kirchlichen Reihen. Priester, die bisher wenig Einblick in die Hintergründe und Gründe der Berichterstattung durch das Domkapitel hatten, können die Brisanz der Dinge nicht glauben und hängen weiter einer Fassade  an. Sie beschwichtigen und tragen so zu Spaltung unter den Menschen bei.

Der Kirche in Österreich wurde von hoher Stelle her vor Kurzem eine schwere Glaubenskrise diagnostiziert. Wir, die wir aufmerksam die Entwicklungen durch die Jahre hindurch beobachten, stellen etwas anderes fest. Die Kirche in Österreich leidet an einer Leitungskrise, und das schon längere Zeit. Vielleicht spüren dies die Verantwortlichen selbst, denn sonst würden sie ja nicht so viele Unternehmensberater beiziehen und auch bezahlen. Vielen von uns ist nicht klar, wer hier überhaupt zuständig ist und wer eine Lösung haben könnte. Rom vielleicht??  Doch wer ist „Rom“, „Salzburg“ oder „Wien“?

Papst Franz hat den Katholiken in Deutschland einen Brief geschrieben, der derzeit viel kritisiert wird. Auch deshalb weil er kaum Vorgaben beinhaltet. Wahrscheinlich sieht er die Zeit dafür gekommen, dass sich die Kirchenbürger selber organisieren und nicht immer nach Rom – wie gesagt: wer ist das? – schielen. Was würde dieser Papst uns Österreichern schreiben? Würde er nur den Bischöfen etwas sagen wollen oder aber uns allen? Ich denke mir, dass er uns als Kirche zur Selbstständigkeit raten würde...

Die Kirche ist heute sicher in einer großen Wendezeit. Die MODERNE klopft wieder einmal an ihre Türe, und dieses Pochen wird stärker und kommt nicht nur von Außen. Ja, eine Strukturreform scheint vonnöten. Aber ohne spirituelle Reform wird nichts gelingen. Das verstehen, glaube ich, alle. Dennoch helfen uns Zurufe wie die eines Bertram Karl Steiners nicht, wenn er mir sagt: “Statt zu demonstrieren, sollt ihr die Ewige Anbetung und den Rosenkranz pflegen!“ Spiritualität ist doch kein Entweder – Oder. Gerade mit der Enzyklika Laudato Si hat uns der Papst eine Tür aufgetan, die beides vereint: Spirituelles und Materielles – beides gehört zusammen. Diesen Weg zu gehen, fordern uns heute auch die Schulschwänzenden fridays for future auf, die jungen Menschen.

Engelbert Guggenberger sprach vor einer Woche darüber, dass die Kirche im 21. Jahrhundert ankommen muss und der Führungsstil demokratischer werden muss.  Für mich ist das ein Bekenntnis zu einer zeitgemäßen Entwicklung in der Kirche. Wahrscheinlich hilft ihm auch die Erfahrung des vergangenen Jahres. Der Führungsstil war in seiner Administration geprägt von Kollegialität. Miteinander und Augenhöhe waren nicht leere und hohle Begriffe, wie wir das alle aus der Vergangenheit her kennen. Gerade an Hand des sogenannten „Leitbildes“ haben wir dies alle erlebt. Von Oben nach Unten aufoktroyiert, musste der unsäglich lange Prozess (der keiner war) zeit- und kostenintensiv durchgeboxt werden, obwohl dies keiner wollte.

Wir wollen kein Episkopat, das wie eine Fremdherrschaft daherkommt, weder für die Diözese noch für das Mensalgut, dem Bistum, der Stiftung der Heiligen Hemma. Weder sind diese Güter zur Produktveredelung am Möbelmarkt gedacht, wie das weiland mit der Tischlerei BIGU der Fall war, noch dafür, dass Firmen und Betriebe eine Ethische Zertifizierung erhalten. ERLÖSE, wie sie Bischof Joseph Köstner seligen Angedenkens für die Pastoral in der Kärntner Kirche eingesetzt hat, sind in seinem und im Sinne der Hl. Hemma wieder neu in die Seelsorge zu lenken. Wir werden neue Jobs in der Seelsorge schaffen müssen und wir wollen jungen Leuten Lust darauf machen, dafür wieder Theologie zu studieren.

Zum einen also erwarte ich mir eine adäquate apostolische Reaktion, damit zum anderen ein Neustart gelingen kann. Dafür möchte ich euch heute ein Bild  als Symbol mitgeben. Das ist ur – jesuanisch. Er selber hat ja oft Pflanzen als Träger seiner Botschaft benutzt. Denken wir an das Senfkorn, den Weizen, die Weintrauben und die Feigenbäume. Heute möchte ich eine Pflanze mit ihrer symbolischen Botschaft in unsere Mitte stellen, die ihr in diesem Kontext so sicher noch nie bedacht habt. Es ist der Radicchio, den ihr zwar alle kennt, der aber als Radicchio di Treviso oder di Castelfranco zu Delikatessen veredelt wurde. Der uns bekannte Radicchio- Salat wird so lange liegen gelassen, bis er zu faulen beginnt und ganz schleimig wird. Von außen unansehnlich und schon fast Übelkeit hervorrufend, bildet sich jedoch in seinem Inneren neues Leben. Neue anders gefärbte und anders aussehende Blätter werden gebildet, die schön sind und die wunderbar schmecken. Man muss nur allen Schleim und alles Faule abwaschen, und das biologische Wunder tritt zutage.

Machen wir es als Kirche doch wie dieser Radicchio aus Treviso und Castelfranco. Bitten wir den Heiligen Geist, dass er alles Abscheuliche von uns abwäscht und Neues und Gutes Leben in uns zu Tage fördert.