Kirche gemeinsam verändern

Mittwochsgebet am 17.07.2019 Ansprache Franz Zlanabitnig

Veröffentlicht von Gabriel Stabentheiner am 09.09.2019
Franz Zlanabitnig
Franz Zlanabitnig

Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein.

Merkt ihr es nicht? (Jes.43, 19)

Kurz etwas zum „Sitz im Leben“ der soeben gehörten Schriftstelle: Die Menschen in der babylonischen Gefangenschaft sind niedergeschlagen und hängen einer besseren Vergangenheit nach. In diese Situation hinein sagt ihnen Jesaja: Schaut nicht zurück, schaut auf das, was hier und heute zu wachsen beginnt.

Hans Peter Premur hat am letzten Mittwoch die hier im Dom zum Mittwochsgebet Versammelten mit „Liebe Kirchenbürgerinnen und Kirchenbürger“ angesprochen und dabei einen ganz wesentlichen Aspekt von dem hervorgehoben, was “Kirchenvolk“ sein kann, sein sollte oder sein will.

Heute rede ich Sie/Euch ganz bewusst mit „Liebe Mitchristinnen und Mitchristen“ an.

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen! Es ist ermutigend, dass wir auch heute wieder so viele sind und es ist ganz besonders auch ermutigend, dass s an den letzten beiden Mittwochveranstaltungen priesterliche Verantwortungsträger, Mitglieder des Domkapitels, mitten unter uns waren. Mitten unter uns, nicht uns gegenüber oder hervorgetan durch besonders würdevolle Kleidung. Wie sagt der heilige Augustinus: „Für Euch bin ich Bischof, mit Euch bin ich Christ.“ Eine Aussage, die wohl für alle gilt, die in der Kirche „vorne“ stehen.

Wenn ich also alle Anwesenden als Mitchristinnen und Mitchristen anspreche, dann meine ich damit auch, dass wir alle – Gläubige mit priesterlichem und ohne priesterlichem Dienst – Mitverantwortung für die Gemeinde Christi hier am Ort, bei uns in Kärnten, in der Diözese Gurk tragen. Durch unsere Anwesenheit bringen wir auch zum Ausdruck dass wir diese Verantwortung auch wahrnehmen wollen. Es ist uns nicht mehr egal, wie sich Kirche präsentiert, welches Gesicht sie zeigt. Neues wächst, merkt ihr es nicht?

Wenn das, was sich in den letzten 10 bis 15 Jahren hier in der Kirche in Kärnten abgespielt hat, nicht einen so großen Schaden und Glaubwürdigkeitsverlust hervorgerufen hätte und wenn das Schauspiel, das die dafür Verantwortlichen in Wien und in Rom im letzten Jahr und besonders in den letzten Monaten und Wochen zur Aufführung bringen, nicht so ein Trauerspiel wäre, dann könnte man fast meinen, der Heilige Geist ist mit ungeheurer List am Werk: Er macht einen Bischof, der seine Verantwortung für die ihm übertragene Aufgabe und das ihm treu händisch anvertraute Kirchengut missbraucht, und er macht die Verantwortlichen im Vatikan, die beteiligten Apostolischen Nuntien und einen Kardinal in Wien zu seinen Werkzeugen, um so das Christenvolk – uns – aufzuwecken und zum Widerstand herauszufordern.

Wie schreibt der Kabarettist Christian Hölbling am Sonntag in der Kleinen Zeitung? „Seit dem Mittelalter kann man sich darauf verlassen, dass Rom (und ich füge hinzu: seine Vertreter vor Ort) mit ruhiger Hand eingreifen, wenn es darum geht, etwas aus dem Ruder Gelaufenes zu vertuschen, missliebige Kritiker in die Schranken zu weisen, aufmüpfige Köpfe zurechtzustutzen.“ Wenn also die, die sich um ein strahlendes Bild von Kirche sorgen sollten, versagen, ja im Gegenteil, durch ihr Handeln den Schaden noch vergrößern, dann müssen andere aufstehen. Und sie tun das nicht aus eigenem Gutdünken oder Wichtigtuerei, sie tun es, weil sie dazu ermächtigt und eigentlich auch verpflichtet sind. Im Laufe der Geschichte hat sich in der Kirche eine vertikale Machtstruktur, ein System von Unter-und Überordnung entwickelt. In seinem Schreiben an die Gemeinden in Galatien stellt der Apostel Paulus allerdings ein Konzept von Verantwortung für christliche Gemeinden vor, das diesem hierarchischen Denken diametral entgegensteht: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich, denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ (Gal. 3, 28) Wenn wir hier also aufstehen und sagen, „so nicht“ so tun wir es, weil wir, spät aber doch, unsere Mitverantwortung für die Gemeinde Christi ernst nehmen wollen. Neues wächst – merkt ihr es nicht?

Viel zu lange hat dieses System der Über-und Unterordnung in der Kirche funktioniert, viel zu lange hat das Christenvolk geschwiegen, viel zu lange hat es sich entmündigen lassen. Ja, und auch viel zu lange haben viele in Kärnten geschwiegen, obwohl sie gespürt haben, dass der Glaubwürdigkeit der Kirche durch den, der als Hirte vorangehen sollte, Schaden zugefügt wird.

Bei einer Gedächtnisvorlesung an der Münchner Universität im Gedenken an die Mitglieder der „Weißen Rose“ - hat Kardinal Lehmann über Zivilcourage gesprochen. Er hat diese als Entschlossenheit bezeichnet, ich zitiere, „als einzelne Person oder in Ausübung eines Amtes abweichende Ansichten offen zu vertreten und dafür Konflikte oder sogar Nachteile zu riskieren – und dies gegenüber Vorgesetzten, Mächtigen, eingefahrenen Vorurteilen oder aktuell modischen Sichtweisen und auch angesichts der öffentlichen Meinung. Zivilcourage, so sagt er, ist das Gegenteil von Bequemlichkeit, Servilität, Konformismus, Opportunismus und Heuchelei.“ Es mag schon sein, dass in der Vergangenheit diese Zivilcourage auch gefehlt hat. Aber: Neues wächst –merkt ihr es nicht?

Merkt ihr dieses nicht, wenn ihr das Interview mit Dompropst Guggenberger in der letzten Ausgabe von NEWS lest? Wann hat ein so hoher Kirchenvertreter in einer solchen Deutlichkeit über Verfehlungen in der Kirche gesprochen, wann wurde einem Kardinal mit einer solchen Entschiedenheit ein Spiegel vorgehalten? Und ich stelle mir vor, dass Engelbert Guggenberger es zunächst einmal nicht angestrebt hat oder anstrebt zum Kirchenrebellen zu werden. Aber wie er, gemeinsam mit Kollegen im Domkapitel im letzten Jahr in eine Rolle hineingefunden hat, in eine Rolle, bei der ihm die Eigenschaften eines Extrembergsteigers mehr als zugutekommen, das nötigt schon gehörigen Respekt ab. Und dabei hat er nicht seine eigene Kirchenkarriere im Blick gehabt, im Gegenteil, er hat sie bewusst aufs Spiel gesetzt. Jetzt steht er da, wie ein Fels in der Brandung und redet offen und freimütig: er redet mit Parrhesia, einer weitum in Vergessenheit geratenen demokratischen aber auch christlichen Tugend. Parrhesia, das ist die freimütige, öffentliche, gelegentlich auch aufbegehrende Rede, die dem Mut zur Wahrheit verpflichtet ist. Hat nicht schon auch Paulus auf dem ersten Konzil, dem Apostelkonzil, Petrus ins Angesicht widersprochen? Da ist doch Neues gewachsen.

Und wenn schon die Verantwortlichen nicht reden, dann müssen es andere tun, und sei es auch von außerhalb der Kirche. Ich weiß nicht, welches Verhältnis der schon erwähnte Kabarettist zur Kirche hat, oder ob überhaupt eins zu ihr hat. Auf alle Fälle hat er aber recht, wenn er schreibt, dass ein System, das seine eigenen Moralmaßstäbe dermaßen untergräbt, jegliches Recht verspielt hat, irgendjemandem zu erklären, was gut und was böse, was falsch und was richtig ist. Auch wenn eine solche Kritik der Kirche wehtut, ist sie doch mehr als berechtigt. Da kommt einem, ob man will oder nicht, das Ethikinstitut W.E.I.S.S. –Wirtschafts-und Ethikinstitut St. Georgen in den Sinn, das sich angemaßt hat, unter den Auspizien eines Bischof Ethikzertifikate zu vergeben und dabei völlig zu übersehen, das in dessen Verantwortungsbereich ethische Prinzipien im Umgang mit Menschen mit den Füßen getreten wurden. Da fällt einem auch ein, dass in der Österreichischen Bischofskonferenz ein Bischof für Wirtschafts- und Ethikfragen zuständig ist, der in Verdacht steht, mit dem Imperium eines Waffenproduzenten ein möglicherweise unsauberes Geschäft gemacht zu haben.

Nicht immer war es so, dass der Kirche zumindest nicht ganz fernstehende Medien, solche kritischen Kommentare wie den des Christian Hölbling zugelassen haben. Dass es jetzt möglich wird, ist doch auch neu, oder? In diesem Zusammenhang muss auch angemerkt werden, dass das offizielle Nachrichtenorgan der Kirche Österreichs, die Kathpress, finanziert mit den Kirchenbeiträgen der österreichischen Katholikinnen und Katholiken, einem eher alten, der Iswestja ähnlichem Stil anhangt, wenn in der Berichterstattung über die Kundgebung von vorletztem Mittwoch hier im Dom, mit keiner einzigen Silbe die Kritik an Kardinal und Nuntius erwähnt wurde.

Und noch etwas Neues, in Wirklichkeit aber etwas ganz Altes wächst: „Ja derfens denn das“ hat der regierungsunfähige Kaiser Ferdinand 1848 gefragt, als die Menschen zur Verfolgung ihrer Rechte auf die Straße gegangen sind. „Ja dürft ihr denn das“ wurde Gabriel Stabentheiner aus Wiener Kreisen gefragt, nachdem die Online Petition für Engelbert Guggenberger als neuem Kärntner Bischof angekündigt worden war. Eine Petition mit der Kärntner Katholikinnen und Katholiken ihre Verantwortung bei der Suche nach dem, der ihnen als Bischof vorstehen soll, wahrnehmen wollen.

Ja, wir dürfen es. Wir dürfen es. Die Christen von Mailand haben im vierten Jahrhundert den Präfekten der Stadt, den noch nicht einmal getauften Ambrosius zu ihrem Bischof gewählt. Ohne diese demokratische Wahl wäre die westliche Kirche um einen ihrer vier großen Kirchenlehrer ärmer. Und Papst Leo der Große hat im fünften Jahrhundert festgelegt, dass, „wer allen vorstellen soll, auch von allen gewählt werden muss“.

Der deutsche Kirchenhistoriker Hubert Wolf spricht in seinem lesenswerten Buch „Krypta“ davon, dass im Laufe der Kirchengeschichte alte Traditionen „verschütt“ gegangen seien, verschüttet wurden. Äbtissinnen z. B. hatten über Jahrhunderte hinweg quasi bischöfliche Vollmachten. Gemeinden haben nachweislich ihren Bischof gewählt. Heute ist das alles, wie wir wissen, ganz anders. Im Laufe der Jahrhunderte hat es verschiedenste Modelle der Bischofsernennung gegeben und schlussendlich hat sich der Papst in Rom, als oberster Hierarch der Kirche, durchgesetzt. Er ist es, der in den allermeisten Fällen bestimmt, wer eine Diözese leiten soll. Da hat die Erinnerung an eine gänzlich andere, alte Tradition und vor allem ihre Inanspruchnahme durchaus subversive Kraft. Ob der Heilige Geist nicht ein Umstürzler ist, wenn er Neues wachsen und gutes Altes wieder aufleben lässt? Was wissen wir denn, was die bevorstehende Amazonassynode an Neuem bringen wird?

Und sollte doch ein Bischof ernannt werden, der ganz und gar nicht den Wünschen der Kärntner Katholikinnen und Katholiken entspricht, dann sollten wir uns daran erinnern, dass in jüngerer Vergangenheit in Oberösterreich es durch große Solidarität und Zusammenhalt unter den Priestern und ihren gewählten Vertretern  schon einmal gelungen ist, einen bereits ernannten Weihbischof zu verhindern. Ob eine solche Solidarität auch in Kärnten möglich wäre? Dürfen wir hoffen, dass auch in dieser Hinsicht Neues wächst und Kärntner Priester, in Abwägung zwischen dem versprochenen Gehorsam einem Bischof gegenüber und dem manchmal gebotenen Widerstand Profil zeigen werden? Oder werden Jurij Buch und Hans Peter Premur die wenigen Ausnahmen im Kärntner Presbyterium bleiben, die entschieden ihre Ablehnung des römisch-obrigkeitlichen Vorgehens zum Ausdruck bringen und dies, wie Dechant Buch auch mit einem deutlichen Zeichen des Protestes verbinden?

Wie sich Kirche in Kärnten künftig entwickeln wird, darf nicht nur einigen wenigen Amtsträgern überlassen werden. Die gegenwärtige Krise, in der sie sich befindet, birgt auch die Chance, Neues wachsen zu lassen. Wir sind Zeugen, dass dieses Neue bereits wächst. Und wir alle sind nicht nur Objekte, nein, wir sind Subjekte dieses Wachstumsprozesses.

Mit zwei Sprichworten möchte ich meine/unsere Hoffnung nochmals zum Ausdruck bringen:

„Im Winter wächst viel Brot“ und „Die Mitte der Nacht ist der Anbruch des Tages“.