Kirche gemeinsam verändern

Presse Interview - Nuntius Quintana

Veröffentlicht von Gabriel Stabentheiner am 25.06.2019
Nuntius Pedro López Quintana
Nuntius Pedro López Quintana im Presse-Interview am 23. Juni 2019

Sie sind seit wenigen Tagen offiziell Nuntius. Wie gut kennen Sie die katholische Kirche hier?

Pedro Lopez Quintana:  Ich beginne, die katholische Kirche in Österreich kennenzulernen. Ich wusste schon vorher, dass es eine sehr alte Kirche ist.

Ist das gut oder schlecht?

Pedro Lopez Quintana:  Das ist gut. Es gibt hier eine lange Tradition. Der katholische Glaube hat in der Gesellschaft und in der Kultur sehr tiefe Wurzeln. Vieles ist fundamental katholisch geprägt.

Wie speziell finden Sie das?

Pedro Lopez Quintana:  Sehr speziell. Österreich war in der Vergangenheit Verteidiger des katholischen Glaubens in Mitteleuropa gegen die Reformation. Das hat in gewisser Weise noch immer Einfluss. Das sind meine ersten Eindrücke. Ich komme aus den baltischen Staaten (der Erzbischof war dort von 2014 bis 2019 Nuntius, Anm.) da gab es ein Problem der Kirche, dass der Heilige Vater oft angesprochen hat: den Klerikalismus. Die Kleriker waren zu dominant.

Und wie erleben Sie die Situation in Österreich?

Pedro Lopez Quintana:  Mein erster Eindruck ist: Das Gegenteil ist der Fall (lacht). Das genaue Gegenteil. Es gibt einen Klerikalismus - aber bei den Laien.

Was genau meinen Sie damit?

Pedro Lopez Quintana:  Die Mitwirkung der Laien im Leben der Kirche ist sehr wichtig. Aber die Laien haben eine noch wichtigere Aufgabe, die das Zweite Vatikanische Konzil benennt: Sie sollen speziell in der Welt aktiv sein. Hier sehe ich das Risiko, dass die Laien ihre Aktivitäten auf die Kirche konzentrieren, die Aufgabe der Kleriker übernehmen und vergessen, dass ihre wirkliche Mission ist, in der Welt zu wirken, in der Gesellschaft, der Politik, nicht ausschließlich in der Kirche. In der Gesellschaft fehlt diese Präsenz. Vielleicht ist das ein Grund für den Rückgang des Glaubens in der Gesellschaft. Die Laien sind innerkirchlich zu sehr mit Administration und dergleichen beschäftigt.

Ist für diese Art der Aktivitäten aber nicht auch der Priestermangel in Österreich verantwortlich?

Pedro Lopez Quintana:  Nein. Andere Länder haben verglichen mit Österreich weniger Priester. Auch beim Priestermangel ist der Verlust des Glaubens entscheidend. Heute muss das Wachsen von Berufung gegen sehr viel ankämpfen.

Warum ist das so?

Pedro Lopez Quintana:  Wegen der Säkularisierung. Aus meiner Sicht ist die Säkularisierung Folge davon, dass die Präsenz der Laien, gläubiger Menschen in der Gesellschaft, nicht groß genug ist. Ja, es stimmt, dass es weniger Priesterberufungen gibt. Aber, wie der Heilige Vater sagt, das heißt nicht, dass Gott nicht mehr ruft. Aber die Kommunikation ist gekappt.

Vielleicht fehlt es auch an Priestern, die Vorbild sein können.

Pedro Lopez Quintana:  Teil der Krise ist, wie der Heilige Vater sagt: Es gibt Priester, die weniger Hirten und mehr Funktionäre sind. Manchmal sind Priester mit allerlei beschäftigt, aber sie vergessen, Christus zu bezeugen. Vielleicht klingt das ein wenig altmodisch, aber die Menschen müssen Jesus kennenlernen. Wir als Priester haben zu bezeugen, dass Gott Liebe ist. Liebe heißt, das Beste für jemanden zu wollen, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. In Österreich ist die katholisch Kirche, was den Enthusiasmus der Menschen betrifft, ein wenig arm geworden. Manchmal sind Pfarren wie Zentren von Sozialarbeitern. Dann sind wir nicht wirklich eine Gemeinschaft von Christen.

Papst Franziskus hat für den Herbst zu einer Amazonien-Synode einberufen. Im soeben veröffentlichten Arbeitspapier wird eine Diskussion über die Priesterweihe für verheiratete Männer vorgeschlagen. Befürworten Sie diesen Weg?

Pedro Lopez Quintana:  Bei der Synode geht es in allererster Linie um Ökologie und die Menschen, die dort leben und leiden. Und dann wird vielleicht darüber gesprochen - für die indigenen Völker dieser Region. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Es ist ein Vorschlag, es ist nicht klar, ob diese Möglichkeit eingeräumt wird. Und es würde für alte, verheiratete Männer nur ein begrenztes Priestertum geben, nicht ein volles Priestertum.

Was verstehen Sie unter begrenztem Priestertum?

Pedro Lopez Quintana:  Nur beschränkt darauf, dass die Menschen die Möglichkeit haben, die Sakramente zu empfangen. Eine derartige Lösung wäre nur auf das Amazonien-Gebiet beschränkt. Der Heilige Vater hat sich gegen Missinterpretationen gewehrt und wiederholt, dass der Zölibat bestehen bleiben wird.

Treten Sie für eine derartige lokal begrenzte Regelung ein?

Pedro Lopez Quintana:  Ich würde es akzeptieren, aber ich glaube nicht, dass es für die Gesamtkirche eine gute Lösung wäre, auf den Zölibat zu verzichten, weil er frei macht, frei für den Dienst und die Verpflichtung des Evangeliums.

Könnte eine derartige Sonderregelung aber nicht ein erster Schritt sein, dem später ein weiterer folgt, in Österreich?

Pedro Lopez Quintana:  Wir haben in Österreichs Kirche wichtigere Punkte, über die wir nachzudenken haben. Um eine derartige Situation zu verhindern, können wir Dinge ändern, eine Atmosphäre schaffen, in der Berufungen wachsen können. Die Krise der Kirche ist keine Krise der Struktur, sondern eine Krise des Glaubens. Wir müssen nicht die Struktur der Kirche retten. Es ist sehr einfach und gleichzeitig sehr schwierig: würdige Söhne Gottes zu sein und Freude zu zeigen, Jünger Jesu zu sein.

Für wie groß halten Sie die Krise der katholischen Kirche in Österreich?

Pedro Lopez Quintana:  Mein erster Eindruck ist, dass es eine echte Krise gibt und in Österreich durch die vielfältigen Verbindungen zu Deutschland viele in gewisser Weise den Weg der Lutheraner gehen wollen.

Sehen Sie darin eine Gefahr?

Pedro Lopez Quintana:  Ja, es kann eine Gefahr sein.

Ist der Papst informiert und enttäuscht über die Situation?

Pedro Lopez Quintana:  Er ist informiert, und er ist enttäuscht über die Situation, aber nicht speziell in Österreich, sondern in ganz Westeuropa. Der Heilige Vater sagt zu den Priestern: Geht hinaus aus dem Büro, besucht die Menschen.

Apropos besuchen: Gibt es eine Chance, dass Papst Franziskus Österreich besucht?

Pedro Lopez Quintana:  Das ist immer offen. Der Papst hat bisher immer Länder mit sehr speziellen Situationen besucht. Wir müssen eine Gelegenheit dafür schaffen.

Vielleicht, weil die Krise groß ist?

Pedro Lopez Quintana:  Nein, nein, das ist ähnlich wie in anderen Ländern. Man muss eine spezielle Gelegenheit schaffen, Wien ist Zentrum der internationalen Begegnung. Er könnte den UNO-Sitz hier nützen, um über verschiedene Dinge zu sprechen. Könnte sein.

Das heißt, ein Besuch ist nicht völlig ausgeschlossen, es gibt aber keine konkreten Pläne.

Pedro Lopez Quintana:  Nicht ausgeschlossen, aber für den Moment gibt es keine Pläne.

Wien ist auch Sitz des Abdullah-Zentrums, bei dem der Vatikan Beobachterstatus hat. Sind Sie enttäuscht über den Beschluss des Nationalrats, es wegen der Menschenrechtssituation in Saudiarabien zu schließen?

Pedro Lopez Quintana:  Das tut uns leid. Wir sind sehr an dieser Institution interessiert, weil sie für den interreligiösen Dialog gegründet wurde. Man sollte versuchen, sie auf eine breitere Basis zu stellen und zu einem wirklichen internationalen Forum des Dialogs zu machen, wo viele Länder Mitglieder werden. Wir müssen alle Bemühungen unterstützen, die verhindern, dass Religion wie in der Vergangenheit als Instrument des Kriegs missbraucht wird.

Was halten Sie vom öffentlichen Gebet für Ex-Kanzler Kurz?

Pedro Lopez Quintana:  Da ist nicht Falsches daran. Wir haben für jeden zu beten. Für Protestanten sind derartige öffentliche Gebete ganz normal, für die katholische Kirche in Österreich sind sie ungewöhnlich.

Für Kärnten gab es eine apostolische Visitation. Wann gibt es Ergebnisse?

Pedro Lopez Quintana:  Ich hoffe bald, in sehr kurzer Zeit.

Noch vor dem Sommer?

Pedro Lopez Quintana:  Ja

Werden die Ergebnisse veröffentlicht?

Pedro Lopez Quintana:  Wahrscheinlich schon, genauso wie öffentlich gemacht wurde, dass die apostolische Visitation stattfindet.

Wird es eine Art Urteil über das Wirken von Bischof Alois Schwarz in Gurk-Klagenfurt geben?

Pedro Lopez Quintana:  Bischof Schwarz wurde vor einem Jahr nach St. Pölten versetzt. Das war keine Bestrafung, das war eine Beförderung. Die Diözese ist bedeutender.

Das heißt, er hat sich in Kärnten nichts zuschulden kommen lassen.

Pedro Lopez Quintana:  Offenbar nicht, sonst wäre er nicht nach St. Pölten versetzt worden.

Das Klagenfurter Domkapitel hat einen extrem großen Einfluss einer Frau auf die Amtsführung beklagt. Ist Derartiges normal?

Pedro Lopez Quintana:  Das ist witzig. Oft wird die Rolle der Frau in der Kirche beklagt, aber wenn sie einmal Macht hat, wird das kritisiert. Ich denke, in der Beziehung zwischen dem Bischof und der Frau war nichts Unmoralisches. Rom befasst sich nicht mit Gerüchten, wir können eine Person nicht danach beurteilen.