Kirche gemeinsam verändern

Offener Brief an Nuntius Quintana

Veröffentlicht von Gabriel Stabentheiner am 30.06.2019
Gerda Schaffelhofer - 2
Gerda Schaffelhofer antwortete Nuntius Quintana mit einem Offenen Brief

Hochwürdiger Herr Nuntius,

vor Kurzem haben Sie Ihren Dienst in Österreich angetreten. Wir Gläubige sind Ihnen in unserem Land mit Offenheit und ohne Vorbehalte begegnet. Und wir waren auch bereit, Ihnen die nötige Zeit zur Einarbeitung zuzugestehen. Nun aber veranlasst mich Ihr Interview in der Sonntagsausgabe der Tageszeitung "Die Presse" vom 23. Juni, mich mit diesem öffentlichen Brief an Sie zu wenden.

Ich widerspreche Ihrer Darstellung der Causa Schwarz auf das Entschiedenste und bedauere, dass Sie - durch welche Einflüsterer auch immer - zu dieser groben Fehleinschätzung gelangt sind. Die Versetzung von Bischof Schwarz nach St. Pölten als Beförderung darzustellen, in der Abhängigkeitsbeziehung zu einer Frau nichts Unmoralisches zu sehen und den Machtmissbrauch dieser Frau als etwas darzulegen, das auch Ihrer Sicht "witziger Weise kritisiert wird", ist ungeheuerlich und ein Schlag ins Gesicht all derer, die sich in den letzten Monaten um eine verantwortungsbewusste Aufarbeitung de Ära Schwarz in Kärnten bemüht haben. Ich möchte darauf hinweisen, dass nichts, aber schon gar nichts "witzig" ist an dieser Causa Schwarz, die sich immer mehr zu einem Prüfstein für die Glaubwürdigkeit der Kirche auswächst.

Die Zeiten, in der bestimmte klerikale Kreise in selbstherrlicher Weise über die Köpfe der Gläubige hinweg entschieden haben, was zu vertuschen und wer zu schützen ist, sind vorbei. Wir Gläubige sind keine unmündigen Befehlsempfänger Roms, die man nach der alten Gepflogenheit "Roma locuta causa finita" zum Schweigen bringen kann. Die Causa Schwarz lässt sich durch kein römisches Machtwort aus der Welt schaffen. Sie lässt sich nur aufarbeiten. Doch daran scheinen bestimmte Kreise - und seit Ihren Aussage in der Presse, muss ich auch Sie zu diesen Kreisen zählen - kein Interesse zu haben. Ihre Aussage lässt zudem jede Wertschätzung für die vielen vermisssen, die den Scherbenhaufen nach der Ära Schwarz aufgeräumt haben, und ist geradezu eine Beleidigung für alle, die immer noch mit diesen Aufräumarbeiten beschäftigt sind.

Dass der Gerechte nicht als "Sieger" hervorgehen muss, wissen wir seit den Anfängen der Kirche. Dass wir aber in 2.000 Jahren so wenig gelernt haben und die Glaubwürdigkeit der Kirche nicht als deren höchstes Gut verteidigen, sondern geradezu mit Füßen treten, ist schon eine echte Schuldgeschichte, für die wir uns eines Tages werden verantworten müssen. Wenn immer mehr Menschen dieser Kirche den Rücken zuwenden, nichts mehr von ihr erwarten, ihr nicht mehr zutrauen, dass sie eigene Fehlentwicklungen zu korrigieren imstande ist, dann können wir unsere Kirchentore schließen und unsere Kirchenzelte abbrechen, dann haben wir in der Nachfolge Jesu Christi versagt. Spätestens seit dem Missbrauchsskandal wissen wir, Lüge, Ignoranz, Überheblichkeit, Selbstherrlichkeit und eine Schein-Gerechtigkeit werden von den Gläubigen des 3. Jahrtausends durchaus als solche erkannt und sind völlig untaugliche Instrumente in dem so dringend gebotenen Selbstreinigungsprozess der Kirche; sie haben das Antlitz der Kirche immer schon zu einer hässlichen Fratze verzerrt, für sie darf in der Kirche Jesu Christi kein Platz sein. Gefordert sind Offenheit und der Mut zur Wahrheit, auch wenn diese schmerzlich ist. Wenn sich Rom in der Causa Schwarz nicht zu dieser Wahrheit durchringt, was nach Ihren Worten Inder Presse eine Denkvariante ist, dann wird die Kirche einen hohen Preis dafür bezahlen. Wir Gläubige in Kärnten lassen uns weder beirren noch zum Schweigen bringen, wir haben vieles gesehen, bezeugt, und unser Zeugnis ist wahr.

Ich kann Sie abschließend nur ersuchen, alles zu unternehmen, um zu einer qualifizierteren Sicht in diese Causa zu gelangen und Rom eine große Blamage zu ersparen. Sollten Sie dazu einen erweiterten Gesprächskreis als hilfreich empfinden, stehen Ihnen glaubwürdige Gesprächspartner aus Kärnten gerne zur Verfügung.

PS: Sollte hingegen Rom - was ich gar nicht zu Ende denken möchte - doch schon mit der Aufarbeitung der Causa Schwarz überfordert sein, stellt sich die Frage, welcher Beitrag von Rom für die Lösung der Probleme der Weltkirche überhaupt noch erwartet werden darf?