Kirche gemeinsam verändern

Gebet am 5. November 2021 - Impuls Gabriel Stabentheiner

Veröffentlicht von Gabriel Stabentheiner am 05.11.2021
Gebete für das Gelingen der Weltsynode
Gebete für das Gelingen der Weltsynode

Ohne Emotion und Leidenschaft wird’s nicht gehen

Der erste Monat des synodalen Weges ist nun vorbei. Vielleicht ein passender Zeitpunkt, um eine Art Zwischenbilanz zu ziehen.

Bei der Eröffnung des synodalen Weges rief Papst Franziskus zu Mut und Engagement auf. Er merkte aber an, dass die Rede von Gemeinschaft nur eine fromme Absicht bleiben wird, wenn nicht wirklich ALLE daran teilnehmen. 

Ich versuche die Aktivitäten der österreichischen Diözesen in Bezug auf die Weltsynode und den synodalen Weg so gut wie möglich zu verfolgen. Auf den diözesanen Homepages gibt es überall etwas darüber zu lesen. Manche haben Gesprächsleitfäden und eine Art Fragebogen darauf zum Herunterladen. Diese Leitfäden sind schwer in den Kopf zu bekommen. Es beschleicht einen der Verdacht, dass eine Art Pflichtprogramm absolviert wird. Ein großer Motivationsschub ist jedenfalls nicht herauszulesen. In den offiziellen Vorbereitungsdokumenten ist wenig Konkretes erkennbar, es gibt keine Richtung kein auf den ersten Blick erkennbares Ziel. Ich befürchte, dass normale Menschen da aussteigen.

Wahrscheinlich arbeite ich schon zu lange in einer Kirchenbeitragsstelle, um die Enttäuschung vieler Menschen in Bezug auf die Kirche auszublenden. Besonders schmerzt mich, dass selbst unter den kirchlichen Angestellten und Priestern die Begeisterung für diese vielleicht letzte Chance der Katholischen Kirche in unseren Breitengraden nicht gerade überbordend ist. Zudem habe ich den Eindruck, dass eine Diskussion über die seit Jahrzehnten bekannten heißen Eisen, wie die Gleichberechtigung der Frauen, die freie Wahl des Zölibats, eine positive Bewertung der Sexualität usw. nicht so recht erwünscht ist.

Es wäre hilfreich, wenn auch österreichische Bischöfe öffentlich so offen sprechen würden wie der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Georg Bätzing, der meint: „Wer jetzt noch antritt und sagt, die Kirche hat kein systemisches Problem, der ist blind.“ Zu Beginn der Herbstvollversammlung der deutschen Bischofskonferenz rief er seine Amtsbrüder zu einer radikalen Wende in ihrem Wirken und in ihrem Amtsverständnis auf. Er forderte den „Geist und den Mut zur Umkehr“ ein – „Kehrt um! Denkt neu!“ war sein Appell an seine Bischofskollegen.

Ich vermisse die Leidenschaft und die Emotion für die notwendigen Veränderungen in der Kirche. Ohne Leidenschaft wird die Reform der Kirche nicht zu schaffen sein. Der Papst hat diesen Prozess wahrscheinlich deshalb so breit angelegt, weil er unser aller Hilfe braucht, um den Widerstand der beharrenden Kräfte zu brechen.

Ich vermisse den Schmerz, über den Bedeutungsverlust unseres Glaubens und unserer gemeinsamen Kirche in den modernen Gesellschaften.

Dieser Bedeutungsverlust oder die schwindende Relevanz hat seine Ursache auch im Erscheinungsbild bzw. der Struktur der Kirche. Darüber gibt es für mich aufgrund vieler Gespräche, die ich als Kirchenbeitragsangestellter geführt habe, keinen Zweifel. Ein Beispiel dafür, wie das bei den Menschen so abläuft, ist der bekannte Musiker Hubert von Goisern. Kürzlich war von ihm auf Kathpress folgendes zu lesen. Ich zitiere:

Jesus ist für den österreichischen Allroundkünstler Hubert von Goisern der einzige Religionsgründer, „an dem er nichts auszusetzen habe". Er schätzt die „Geradlinigkeit", mit der Jesus gelebt habe. In dessen Biografie gebe es keine „dunklen Flecken", sagte der religiös interessierte Musiker im Interview der Nachrichtenagentur Kathpress.

Seinen Kirchenaustritt begründete er mit der Unfehlbarkeit des Papstes, der jungfräulichen Geburt Marias, den „patriarchalischen Strukturen" - Dinge, an denen „kein erwachsener Mensch mehr festhalten" könne.

Im Oktober kam ein Kollege nach einem Gespräch mit einer Noch-Kirchenbeitragszahlerin zu mir. Er brauchte Trost und Ermutigung.

Er hatte mit einer Frau – ca. 40 Jahre alt – ein sehr langes Gespräch. Sie war in die Beitragsstelle gekommen, weil sie glaubte hier aus der Kirche austreten zu können. Der Kirchenbeitrag war gar nicht das Thema. Mein Kollege hat Theologie studiert und ist sehr gut in der Lage mit Menschen Gott und die Welt im Gespräch zu reflektieren. Aber er hatte keine Chance, sie vom Kirchenaustritt abzuhalten.

Sein Fazit über diese Frau: „Diese Frau ist ein ethisch wahnsinnig wertvoller Mensch. Moralisch hochstehend, hat ein ehrliches soziales Engagement. Aber sie kann mit dieser Institution Kirche einfach nicht mehr mit. Die Diskriminierung der Frauen durch die Amtskirche ist für sie als moderne Frau einfach nicht zu akzeptieren."

Solche Beispiele und persönliche Erfahrungen könnte ich noch viele erzählen.

Mir tut das wahnsinnig weh, dass so wertvolle Menschen keinen anderen Ausweg sehen, als der Kirche den Rücken zu kehren, um den eigenen moralischen und ethischen Ansprüchen gerecht zu werden.

Bischof Bätzing wird wohl auch an solches denken, wenn er meint: „Wer jetzt noch antritt und sagt, die Kirche hat kein systemisches Problem, der ist blind.“

Ich kann einfach nicht verstehen, warum es so schwer ist, Frauen als in allen Belangen gleichberechtigte Geschöpfe Gottes anzuerkennen. Für mich ist das das gravierendste Manko der Katholischen Kirche. Ich bin wahrscheinlich deshalb in dieser Frage so sensibel, weil ich in der Arbeit mit muslimischen Flüchtlingsfamilien persönlich erlebt habe, was religiös begründete Entrechtung von Frauen im Alltag bedeutet.

Wenn es die Katholische Kirche schaffen könnte zwischen Mann und Frau keinen Unterschied mehr zu machen, könnte ein Ruck durch die Welt gehen. Das wäre allein ein wahnsinnig starkes symbolisches Zeichen oder auch ein politischer Fingerzeig, den unsere Welt so dringend brauchen würde. Hoffnung, Zuversicht könnte geweckt werden.

Um das auch zu belegen, haben wir unsere Online-Umfrage ins Leben gerufen und die Fragen auch so gestaltet, wie sie nun sind.

Bisher haben 302 Personen an unserer Umfrage teilgenommen und es zeigt sich bereits ein eindeutiges Bild. 48% der Teilnehmer, also fast die Hälfte der Teilnehmer bezeichnen  sich als aktive Gemeindemitglieder.

75% meinen, dass die Kirche in ihrem Handeln und in ihrer Verkündigung nicht glaubwürdig ist.

Bedenklich ist, das selbst aktive Gemeindemitgliedern zu 68,7% der Meinung sind, dass das Handeln und die Verkündigung der Kirche nicht glaubwürdig ist.

Für 89% ist eine Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche sehr wichtig.

Von den aktiven Gemeindemitgliedern sind 84% für die Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche.

79% sehen im Frauenpriestertum eine Möglichkeit dem Priestermangel zu entschärfen.

Von den aktiven Gemeindemitgliedern können sich 67,4% die Einführung des Frauenpriestertums vorstellen.

Das sind nur einige eklatante Ergebnisse der Umfrage.

 

Es wird immer wieder argumentiert, dass ja nicht alle für mehr Rechte der Frauen sind oder sich nicht alle demokratischere Strukturen in der Kirche vorstellen können. Auch unser Bischof hat darauf letzten Sonntag in der Sendung Orientierung darauf hingewiesen.

Ja, das ist so. Aber sie sind nicht die Mehrheit. Warum lassen wir es zu, dass eine Minderheit, die Mehrheit des Gottesvolkes blockiert, behindert und viele dazu bringt sich enttäuscht und frustriert von der Kirche abzuwenden. Bei der Amazoniensynode wurde das ja deutlich. Ich habe heute noch das Gesicht von Erwin Kräutler bei einem ORF-Interview nach der Synode vor mir. Es fiel ihm schwer seinen Ärger und  seine Enttäuschung zu verbergen. „Die Blockierer kommen nicht von dort (gemeint waren die Vertreter Lateinamerikas).“ Acht von neun Arbeitsgruppen waren dafür. In der neunten Arbeitsgruppe sind wahrscheinlich viele Europäer und Nordamerikaner gesessen.

Wir als kirchliche Gemeinschaft verlieren hier bei uns die Frauen und die jungen Generationen und nehmen das achselzuckend zur Kenntnis. Es wird wohl so sein, dass wir aufgrund der vielen kulturellen Unterschiede zwischen den Kontinenten verschiedene Formen und Ausprägungen des Glaubenslebens brauchen werden. Auch das müsste ein Ergebnis der Bischofssynode 2023 sein.

Ich vermisse aber bei vielen unserer Bischöfe, unserer Priester und auch bei uns Laien die Leidenschaft und die Emotion sich offensiv dafür einzusetzen. Ich vermisse die geschwisterliche Diskussion mit jenen, die Angst vor den notwendigen Reformen haben.

Aber ohne Leidenschaft und Emotion wird’s nicht gehen.

Beten wir also auch darum, dass Leidenschaft und Emotion mehr um sich greift.