Kirche gemeinsam verändern

Gebet am 8. Oktober 2021 - Impuls Gerda Schaffelhofer

Veröffentlicht von Gabriel Stabentheiner am 09.10.2021
Gebete für das Gelingen der Weltsynode
Gebete für das Gelingen der Weltsynode

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen,

wir dürfen Sie zum heutigen ersten Gebet für die Weltsynode sehr herzlich begrüßen. Künftig werden wir an jedem ersten Freitag im Monat um 18.00 Uhr hier in der Heiligengeistkirche für dieses Anliegen beten. Eingeladen sind alle, kirchliche Insider, aber auch und all jene,  die sich von der Kirche, wie sie sich heute darstellt, enttäuscht abgewendet haben.

Wir sind in der Kirche an einem toten Punkt angekommen, mit diesem Befund hat vor wenigen Wochen Kardinal Marx aufhorchen lassen.

Und der tschechische Theologe Tomas Halik merkte selbstkritisch an:

 "Die Verkündigung scheint zu einer hohlen Rede geworden zu sein und auch der reiche Schatz an Spiritualität und Lebensweisheit, den die Kirche zu bieten hätte, ist tief verschüttet."

Die selbstkritischen Stimmen in der Kirche werden immer lauter werden. Auch in Rom läuten inzwischen die Alarmglocken, zumindest bei denen, denen es wirklich um die Kirche und nicht bloß um die eigenen Privilegien und Ämter geht. Und engagierte Priester an der Basis erkennen, dass es ganz anderes bräuchte, um dem Verkündigungsaustrag Christi in der heutigen Zeit gerecht werden zu können.

Die Volkskirche hat ausgedient, das Volk Gottes ist geschrumpft. In der Kirche hat sich vieles eingenistet, das darin keinen Platz haben dürfte. Es gibt viele, ja zu viele dunkle Ecken und Winkel.

Und jetzt könnte man genauso wie vor 2000 Jahren die Jünger auf dem Weg nach Emmaus meinen, es sei eben alles aus und vorbei. Aber: So wie vor 2000 Jahren nicht alles vorbei war, so ist auch heute nicht alles vorbei. Diese Kirche wird Zukunft haben, wie sie auch nach dem Tod Jesu Zukunft hatte.

Aber diese Zukunft fällt es nicht in den Schoß. Diese Zukunft fordert von uns einen neuen Aufbruch. Und zwar nicht irgendwann in der nächsten Generation oder am Nimmerleinstag, sondern JETZT.

Noch in der Nacht sind die Jünger von Emmaus aufgebrochen, um anderen die frohe Botschaft ihrer persönlichen Glaubenserfahrung weiterzugeben. Ein solcher Aufbruch ist auch von uns gefordert.

Gott sagt, geh, bring dich ein!

Wer ich? Warum denn gerade ich? Du weißt doch, dass ich mit deiner Kirche nicht mehr viel anfangen kann. Sie hat mich schon zu oft enttäuscht. Frauendiskriminierung,  Machtgerangel,  Missbrauch, man kann ihr nicht einmal mehr die Kinder anvertrauen.

Und wieder sagt Gott, geh, bring dich ein! Wozu denn, es wird sich ja doch nichts ändern. Glaubst du wirklich, dass eine Weltsynode etwas bringt? Am Ende entscheiden ja doch wieder Bischöfe und Amtsträger, und deren Kirchenverständnis kennen wir doch zur Genüge.

Und abermals sagt Gott, geh bring dich ein! Das sind doch nur verlorene Kilometer. Vielleicht meint es der Papst ja ernst mit seinem Mobilisierungsversuch in der Kirche. Aber wie soll er sich gegen all die Hardliner durchsetzen? Die blockieren doch alles.

Und Gott sagt: Eben deswegen. Geh, bring dich ein.

Und wie bitte stellst du dir das vor? Man wird mir nicht zuhören, man wird mich ignorieren oder zum Schweigen bringen. Man wird meine Kritik als Verrat einstufen, man wird mich für einen Nestbeschmutzer halten.

Und Gott fragt: Liebst du mich?

Dich ja, aber deine Kirche längst nicht mehr. Sie ist mir nicht mehr Heimat. Sie hat für mich keine Glaubwürdigkeit mehr. Sie ist nur noch totes Gemäuer.

Gott sagt: Und was tust du, damit sie wieder lebendig wird?

Und ein letztes Mal sagt Gott: Geh, bring dich ein.

Liebe Schwestern und Brüder, viele von uns, zögern bei diesem Aufbruch, weil sie Angst haben wieder enttäuscht zu werden. Aber genau in dieser Situation gilt uns das Wort Jesu:  "Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr immer noch keinen Glauben?" Mk 4,40

Wir brauchen Fitnessstudios für unseren christlichen Glauben, hat Papst Franziskus jüngst eingemahnt. Ich halte das für ein faszinierendes Bild. Denn wir müssen tatsächlich hart trainieren, damit wir unsere Lebendigkeit als Christen wieder zurückgewinnen und Bewegung in diese Kirche bringen.

Lassen Sie mich meine Gedanken verdeutlichen mit einem Text von Marin Gutl mit der Überschrift LEGENDE:

Eines Tages hatten die Heiligen in der Kirche das Stehen satt.

Petrus stieg vom Kreuz herab,

Barbara sprang um den Turm herum,

Katharina schob das Rad vor sich her,

Sebastian spielte mit den Pfeilen Mikado.

Märtyrer führten einen Schwerttanz vor,

und die Engel, die sonst krampfhaft die Trompeten hielten, klatschten Beifall.

Es löste sich der Kalk von der Mauer,

die Fenster sprangen auf

und die große Rosette begann zu kreisen.

Nur die Dämonen spielten nicht mit

und hielten todernst ihre Stellung.

Herr, unser Gott, wir haben diesen Gottesdienst unter das Motto gestellt: Die Rosetten beginnen zu kreisen. Schon nehmen wir erste Zuckungen wahr, aber es gibt noch viel Angst, Skepsis, Selbsttäuschung und Lethargie, die uns festzurren, lähmen und in der Dynamik hindern.

Wir haben Erfahrungen gemacht, die uns den Glauben an eine Kirche voller Leben, an eine Kirche, die um dich, Gott und um die Menschen kreist, genommen haben.

Diese Erfahrungen beschweren uns, sie hindern uns am Aufbruch, sie lassen sich nicht wegdenken oder zerbröseln. Wir müssen sie aber vor unserem Aufbruch loswerden wir dürfen andere nicht damit beschweren, wir dürfen sie aber bei dir ablegen.

Und so lade ich Sie alle ein,

einen Stein in die Hand zu nehmen, ihre Ängste und Skepsis, ihre schlechten Erfahrungen geistig auf diesen Stein einzugravieren und diesen Stein nach vorne zu bringen und auf den Altar zu legen. Nehmen wir uns dafür Zeit.

Mit diesen kleinen Steinen, die in Wirklichkeit für viele von uns große Felsbrocken sind, haben wir symbolisch abgelegt, was uns hindert, mit Elan und Dynamik neu aufzubrechen.

Herr, lass nun auch uns, unsere Nische in der Kirche oder unseren Zuschauerposten außerhalb der Kirche verlassen und gib, dass wir uns ohne Wenn und Aber einlassen können auf den kreisenden Tanz der Rosetten, Einlassen im Vertrauen, dass im Zusammenspiel von deinem Licht und unserer Lebendigkeit Neues,  bisher Ungeahntes und Schönes in deiner Kirche zutage treten kann.   Amen.