Kirche gemeinsam verändern

St. Pöltner Seelsorger bitten Nuntius um Hilfe

Veröffentlicht von Gabriel Stabentheiner am 16.04.2021
Nuntius Pedro López Quintana
Nuntius Pedro López Quintana im Presse-Interview am 23. Juni 2019

Text des Briefes (übernommen von  JA - Die neue Kirchenzeitung von P. Udo Fischer https://www.p-udo-ja.at/ ):

Eure Exzellenz Erzbischof Quintana,

wir gehen in einigen Tagen wieder in die Karwoche. In diesen Tagen erinnern wir uns an das Sterben und den Tod unseres Herrn Jesus Christus. Wir leiden mit Jesus und vielen Menschen in dieser Welt mit, aber wir dürfen uns dann auch über die Auferstehung Jesu Christi am Ostermorgen freuen und sein Licht, das uns erfüllt, weitertragen.

OSTERN – hoffnungsvoll leben 

In diesem Licht sticht es umso mehr hervor, wenn ein Amtsträger der kath. Kirche offensichtlich Spaltung und Verwirrung sät: Über den umstrittenen Strukturprozess, den Bischof Schwarz mit der Kärntner Beratungsfirma BOLD (BOLD Enterprise Business-, Organizational- & Leadership Development Gesellschaft mbH - https://www.bold-enterprise.org/) durchführen ließ und auch über die Vorgangsweisen sind Sie wahrscheinlich bereits gut und vielfältig informiert worden. Wir weisen auch auf den Blog der Theologieprofessoren Paul Michael Zulehner und Hans Schelkshorn vom 23. März 2021 hin https://zulehner.wordpress.com/2021/03/23/synodalitat-verlangt-respektvollen-dialog/ „Tu alles mit Rat, dann brauchst du nach der Tat nichts zu bereuen.“ (Sir 32,19) - Synodalität verlangt respektvollen Dialog. Deutlicher kann man kaum reden oder schreiben.

So wollen wir uns, sehr geehrter Herr Erzbischof, auf unsere Wahrnehmungen und Gespräche als Theologinnen und Theologen, Pastoralassistentinnen und Pastoralassistenten in der Diözese St. Pölten beschränken. Wir sind eine Gruppe von Pensionistinnen und Pensionisten mit langjährigen Erfahrungen in der Pastoral. Wir sehen uns als Gläubige, die nach wie vor in der Kirche Österreichs, in der Kirche der Diözese St. Pölten, in den Pfarrgemeinden oder in anderen pastoralen Bereichen tätig sind und sich für die Menschen engagieren. Wir sind berührt vom Schlusssatz einer Predigt zur Lesung des Hebräerbriefes vom 5. Fastensonntag oder früher auch 1. Passionssonntag (Hebr 5,7-9): „Wie können wir als Kirche (als Gemeinschaft im Glauben) den Menschen signalisieren, wir sind bereit euch zu hören?! Ja, wir wollen den Menschen Gehör schenken, dort, wo sie laut aufschreien – aber auch dort, wo sie verstummt sind (wo es ihnen die Sprache verschlagen hat)! Den Kreuzweg mitgehen – und mitbeten – kann dann auch heißen: Den Schrei der Menschen im Alltag ertragen, und ihnen Gehör schenken.“

Was wir wahrnehmen

Bischof Dr. Alois Schwarz hat die Aufgabe und das Recht, sich die Situation seiner Diözese genau anzusehen und Änderungen in Gang zu bringen. Ein berechtigtes und an sich notwendiges Anliegen; aber doch nicht ohne Kommunikation mit den Betroffenen und über Personen hinweg! Selbst Dechanten und Pfarrer erfuhren von den Vorgängen in der Diözese über die Presse! (Kurierartikel 13.3.2021)

Eine Vorgangsweise mit Schweigegeboten und das Engagieren einer Kärntner Beratungsfirma ohne Absprache mit den Gremien der Diözese, einer Firma, die über keinerlei Erfahrungen in kirchlichen Strukturen verfügt, wo es – wie wir vernehmen - keinen unterzeichneten Vertrag gibt, aber schon zigtausende Euro bezahlt wurden, ist für uns nicht nachvollziehbar.

Es ist eine schon große Zumutung, wenn Bischof Schwarz zum Osterfest - „Ostern – das Fest der Erneuerung“ – im Diözesanblatt 2/2021 vom 15. März 2021, den Strukturprozess als ganz normale Vorgangsweise, in die alle eingebunden sind, darstellt. Ebenso provozierend ist der Vergleich, dass ja auch Jesus auf seinem Weg Widerstand erlebte. Dass Veränderungen wichtig sind, ist jeder Mitarbeiterin und jedem Mitarbeiter bewusst. Seine Art der Darstellung ist zutiefst verletzend, weil sie nicht der Wahrheit entspricht.

Der Erfahrungsschatz von Mitarbeiterinnen, Mitarbeitern und Ehrenamtlichen wird nicht für wichtig erachtet, Wertschätzung wird vermisst, tiefe Enttäuschung, Ohnmacht und Resignation macht sich unter den Gläubigen in der Diözese breit. Bischof Schwarz wurde viel Vertrauen entgegengebracht, auch die Bereitschaft ihm in St. Pölten einen Neuanfang zu ermöglichen. Dieses Vertrauen wurde nicht nur aufs Spiel gesetzt, es ist zerbrochen.

In finanziellen Angelegenheiten gibt es keine Transparenz: Einerseits wird Sparen verordnet, gleichzeitig wird – so vernehmen wir – einer Beratungsfirma in Summe um die € 150.000,- bezahlt. Eine Offenlegung wäre klärend.

Wir vermissen jede Zielbeschreibung, wohin sich die Pastoral der Diözese entwickeln soll. Die Pastoralen Dienste (ehemaliges Pastoralamt) haben in einem jahrelangen Prozess eine neue Struktur gefunden und gut gearbeitet. Ihre Auflösung mit dem Argument, Doppelstrukturen zu beseitigen, ist fadenscheinig und pastoral fahrlässig.

Unter Hinweis auf die Situation der Corona Epidemie und der monatelangen Lockdowns sowie der Ausreden, sich nicht treffen zu können, wird bewusst eine Zeit der außerordentlichen persönlichen, familiären, gesellschaftlichen und kirchlichen Belastung genutzt, um im Alleingang diese Entwicklungen durchzusetzen. 

 Wir fragen uns

Unsere Betroffenheit über die bis vor kurzem uns völlig unbekannten „Reformbemühungen“ von Bischof Schwarz ist groß. Wir fragen: Wovor hat der Bischof Angst, sodass er kaum offene Gespräche mit den betroffenen kirchlich Angestellten oder erst nach bereits getroffenen Entscheidungen führt, Kritik nicht aushält und die Diözese nicht ausreichend informiert. Dass sogar Beschäftigte zum Schweigen verpflichtet werden, bestätigt das Bestreben eines Menschen nach Macht.

Was hier unter „Strukturreform“ bis jetzt gelaufen ist, entspricht nicht einer biblisch-christlich orientierten, partnerschaftlichen Vorgangsweise. Schon heute gibt es Empörung aufgrund der Medienberichte über Bischof Alois Schwarz und weitere Kirchenaustritte (sogar von aktiven Ehrenamtlichen) sind zu erwarten. Wir erkennen schon jetzt einen massiven Rückgang des kirchlichen Lebens. Kirche wird als Ganzes als unglaubwürdig empfunden. Wohin führt dies? Es bleibt nur zu hoffen, dass ein gütiger Gärtner darauf achtet, dass daraus guter Kompost wird und dieser als nährstoffreicher Boden neues Leben ermöglicht.

Wir fragen den Bischof:

*Warum hält er die seelsorgliche Arbeit der Pastoralen Dienste für reformbedürftig? Was hat er konkret als Mängel erkannt? Welche Strukturen möchte er ändern? Was sind seine Ziele?

*Warum arbeitet er diesbezüglich nicht mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seiner Diözese zusammen und verzichtet damit auf deren Erfahrungswissen?

*Was kostet BOLD wirklich? Wie sieht die Vereinbarung aus?

*Warum wird der Prozess der Umstrukturierung geheim geführt?

*Warum tritt der Bischof in der Öffentlichkeit ganz anders auf als er intern handelt?

Wir stehen auf gegen solche Entwicklungen

Wir nehmen viel Unsicherheit und Angst wahr. Das betrifft in erster Linie alle in diesen Bereichen Beschäftigten, die in großer Sorge um ihre Zukunft im kirchlichen Betrieb sind. Diese Unsicherheiten bewirken Spaltungen, die zusätzlich schwächen und die Angestellten angreifbarer machen. Daher sind wir solidarisch!

Einschüchterung, Schweigegebote, Redeverbote, gezielte Teilinformationen sowie keine Informationen sind Merkmale von Machtmissbrauch. Auch geistlichem Missbrauch treten wir entschieden entgegen.

Dieser Prozess fällt mitten in die Pandemie, viele Menschen sind verunsichert durch neue und prekäre Arbeitsbedingungen. Unser Auftrag als Kirche ist es, Menschen zu begleiten, zu stärken und Perspektiven zu schaffen. Ein Auftrag, der klar in der Bibel, in kirchlichen Dokumenten und nicht zuletzt durch Papst Franziskus formuliert wurde. Genau hier muss gefragt werden wie glaubwürdig die Kirche selbst ist? Wie geht sie mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – egal ob ehrenamtlich oder beschäftigt – um? Gilt die eigene Soziallehre auch für die Kirche? Papst Franziskus fordert uns zur conversión, zur Umkehr in der Pastoral auf (Evangelii Gaudium). Das muss aber schon in den eigenen Reihen beginnen!

Menschen in unserer Diözese stehen auf, stehen gerade und buckeln nicht vor Macht, vor jemandem, der sich selber größer und mächtiger nimmt und macht. Wir nehmen Solidarität, Vernetzung und Engagement wahr. Dies werden wir weiter betreiben und stärken, wo immer es jeder und jedem von uns möglich ist. 

Unsere Erwartung

Wir erwarten von Bischof Schwarz, dass er eint, verbindet, zuhört und lernt, dass er Lösungen im Dialog findet. Bischof Alois spaltet, sät Angst und Misstrauen. Bischofsamt ist ein Dienstamt. Der Bischof ist Brückenbauer und Hirte. Wir erwarten, dass er das auch so wahrnimmt.

Wir fordern, dass die Zeiten für eigenmächtige und autoritäre Entscheidungen in kirchlichen Strukturen vorbei sind. Die Kirche kann im 21. Jahrhundert nur synodal geführt werden.

Wir wünschen uns keine weitere Eskalation, sondern aufrichtige Gespräche auf Grundlage von biblischen, theologischen und pastoralen Erkenntnissen, dass wir Gläubige ernst genommen werden, so wie es unserer Freiheit als Christen entspricht als Mitglied im Volk Gottes.

Wir wehren uns gegen eine Wiederholung von einer Situation wie in der Diözese Gurk-Klagenfurt.

Wir bitten Sie, Erzbischof Quintana, um Ihre Vermittlung. 

Eure Exzellenz Erzbischof Quintana, wir danken Ihnen für das Lesen unseres Briefes und somit die Aufnahme unserer Wahrnehmungen in der Diözese St. Pölten, die uns mit Herz und Seele, im Nachdenken und Nachfragen umtreiben, in der Hoffnung, dass es zu Besinnung, Vergebung und vor allem zur Aufnahme neuer Gespräche zum Erhalt der Pastoralen Dienste kommt.

Wir wünschen Ihnen aus tiefem Herzen die Freude des kommenden Osterfestes. Gottes Segen begleite Sie in Ihrem Dienst an den Menschen in Österreich sowie Ihr Bemühen um ein besseres gegenseitiges Verständnis innerhalb der Römisch Katholischen Kirche, aber auch der Konfessionen und Religionen in Österreich.

Für die Pensionistinnen und Pensionisten im pastoralen Dienst

Stefan Mayerhofer

 

Namensliste jener Pastoralassistentinnen und Pastoralassistenten, die diesen Brief unterschrieben haben:

Christine Winklmayr, Amstetten, Leiterin Referat Krankenseelsorge und Seelsorgerin im Landeskrankenhaus Amstetten

Karl Immervoll, Betriebsseelsorger, Lehrender Ausbildung Hingehen (Arbeiter*innenpastoral)

Stefan Mayerhofer, Pfarrpastoralassistent in Tulln-St. Severin, Notfallseelsorger

Erwin Binder, Krankenhausseelsorger im Psychosomatischen Zentrum Waldviertel/ Universitätsklinikum Eggenburg

Karl Bischof, Pfarrpastoralassistent in Kirnberg an der Mank

Elfie Haindl, Krankenhausseelsorgerin im Universitätsklinikum Tulln und im Pflege- und Betreuungszentrum Tulln

Ulli Immervoll, Betriebsseelsorgerin im Waldviertel

Friederike Kaltenbrunner, Pfarrpastoralassistentin in Krems-St.Veit

Pauline Klauser, Pfarrpastoralassistentin in St. Pölten-Stattersdorf-Harland

Herbert Koller, Pfarrpastoralassistent in Tulln-St. Stephan

Michael Ledwinka, Pfarrpastoralassistent in Zwentendorf

Rosina Leidenfrost, Pfarrpastoralassistentin in Maria Taferl, Wallfahrtsseelsorgerin

Karl Mühlberger, Pastoralassistent im Pfarrverband Gars am Kamp

Engelbert Pöcksteiner, Krankenhausseelsorger Landesklinikum Waidhofen/Thaya, Trauerbegleiter und Bildhauer

Maria Putz, Pfarrpastoralassistentin in St. Pölten-St. Johannes Kapistran

Alois Stelzer, Pfarrpastoralassistent in Gerolding und Referent für Pastoralassistentinnen und Pastoralassistenten

Maria Stoik, Krankenhausseelsorgerin im Universitätsklinikum St. Pölten

Eva Wagensommerer, Krankenhausseelsorgerin im Universitätsklinikum Tulln und im Pflege- und Betreuungszentrum Tulln, Hospiz und Palliativ Care

Gabriele Wittmann, Pfarrpastoralassistentin und Religionslehrerin in Gars am Kamp

Helga Zettlinger, Pfarrpastoralassistentin in Gaming

Maria-Luise Zwölfer, Pfarrpastoralassistentin in Horn, Referentin für Exerzitien und Geistliche Begleiterin