Kirche gemeinsam verändern

Ansprache Gerda Schaffelhofer am 29.01.2020

Veröffentlicht von Gabriel Stabentheiner am 30.01.2020
Gerda Schaffelhofer
Gerda Schaffelhofer gestaltete das Gebet für die Diözese am 22.01.2020

Lesung

Berufung Jeremias zum Propheten

Das Wort des HERRN erging an mich: Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt. Da sagte ich: Ach, Herr und GOTT, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung. Aber der HERR erwiderte mir: Sag nicht: Ich bin noch so jung. Wohin ich dich auch sende, dahin sollst du gehen, und was ich dir auftrage, das sollst du verkünden. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin mit dir um dich zu retten - Spruch des HERRN. Dann streckte der HERR seine Hand aus, berührte meinen Mund und sagte zu mir: Hiermit lege ich meine Worte in deinen Mund. Sieh her! Am heutigen Tag setze ich dich über Völker und Reiche; du sollst ausreißen und niederreißen, vernichten und zerstören, aufbauen und einpflanzen.

Ansprache - Gerda Schaffelhofer

Liebe Schwestern und Brüder, Im letzten Vers der Lesung, die wir eben gehört haben ist vom Ausreißen, Niederreißen, Vernichten, Zerstören, Aufbauen und Einpflanzen die Rede. Dazu wird Jeremias von Gott berufen, kein sehr attraktiver Job, könnte man meinen. Was da auf den Propheten zukommt, ist alles andere als ein Spaziergang. Man kann nachvollziehen, dass Jeremias davor zurückschreckt, dass er sich wehrt, dass er Gegenargumente aufbietet, die gegen ihn und diese Sendung sprechen. Allein es nützt nichts, Gott entlässt ihn nicht aus dieser Verantwortung. Er hat ihn schon vor seiner Geburt für diese Aufgabe ausgewählt, alle Einwände des Jeremias gehen ins Leere, greifen bei Gott nicht, werden vom Tisch gewischt. Vielleicht ist das heute ja ähnlich bei einer Bischofsbestellung. Auch wenn sich da zwischen Gott und dem Berufenen einige römische Zwischeninstanzen schalten, könnte es einige Parameter geben, die durchaus ähnlich sein könnten. Wenn man nicht ein totaler Karrierist ist, der alles auf einen beruflichen Aufstieg angelegt hat, kann einem schon ein bisschen mulmig werden, wenn man da plötzlich zu einer neuen Aufgabe berufen wird, die einem aus der bisherigen Lebensplanung herausreißt , die alles auf den Kopf stellt, die zum Aufbruch aus dem Gewohnten und Vertrauten veranlasst.

Allerdings möchte ich energisch bestreiten, dass solche Erfahrungen nur Bischöfe machen. Wir alle kennen solche Situationen in unserem Leben. Ängste kommen hoch, Unsicherheiten nehmen zu, wir fürchten uns davor, das gewohnte Terrain zu verlassen. Und es ist auch gut zu verstehen, dass bei Jeremia keine Euphorie aufbricht, als er von Gott berufen wird. Jeremias ist ein kluger Mann, er weiß, was dieser Auftrag bedeutet, welch undankbare Aufgabe ihm von Gott zugedacht ist. Er muss dem Volk Gottes die Botschaft verkünden, dass es von den Babyloniern vernichtend besiegt wird, Jerusalem und der Tempel zerstört werden und viele in die babylonische Gefangenschaft geschleppt werden. Und damit nicht genug, er muss ihnen ins Gesicht sagen, dass sich das Volk diese Katastrophe selbst zuzuschreiben hat, weil es Gott verraten hat.   Unheilspropheten sind nie willkommen, weder damals noch heute. Und wer die Schuldigen beim Namen nennt, wird allen Beteuerungen von Transparenz und Offenheit zum Trotz immer noch abgesägt, in die Wüste geschickt, diszipliniert. Unzählige Versuche, Menschen zur Umkehr zu bewegen, laufen ins Leere. Weder das Volk Gottes zur Zeit des Propheten Jeremias noch die Kirche von heute und schon gar nicht die kirchlichen Institutionen wollen etwas von Umkehr, von Aufbruch wissen. Das Volk Gottes hat samt ihrer jeweiligen Obrigkeit durch alle Jahrhunderte hindurch durch eines gemein: es ist unbelehrbar. Anstatt sich zu ändern, erwartet man lieber von Gott eine magische Rettung. Auch an dieser kindischen Vorstellung hat sich seit Jahrhunderten nichts geändert. Die Zeitgenossen des Jeremias haben im Tempel den Garanten für ihr Zukunft und ihr Heil gesehen. Nie würde Gott zulassen, dass dieser Tempel zerstört wird. Rückblickend wissen wir, dass kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Das Volk hatte alle Warnungen in den Wind geschlagen, die Katastrophe nahm ihren Lauf. Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir auch heute noch so ein magisches Verständnis vom Haus Gottes haben, von unserer Kirche haben. Wir glauben, dass der uns zugesagte Beistand – ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt – ein Freibrief ist, der uns die Mühen des Weiterbaus unserer Kirche erspart. Unsere Kirche hat heute mehr Risse als seinerzeit der Tempel zu Jerusalem. Und unsere heutige Bedrohung ist noch ernster, weil sie vor allem von innen kommt. Wir brauchen keine Feinde von außen, wir schaffen es locker selbst, uns zu zerstören. Fürchten wir uns nicht vor dem Islam, auch nicht vor dem Atheismus, die wirkliche Bedrohung ist unsere eigene Unbelehrbarkeit. Vergangene Woche hat ein Erzbischof doch allen Ernstes behauptet hat, dass durch die Abschaffung des Pflichtzölibats die Kirche zu einer gewöhnlichen irdischen Partei und menschlichen Organisation werden würde und dass Papst Franziskus die Unwahrheit und Sünde statt die 2.000 Jahre alte Tradition predigen würde. Man kann darüber kopfschüttelnd hinweggehen, man kann darin aber auch die Spitze eines Eisberges sehen,

der erahnen lässt, dass diese Kirche in ihren Fundamenten wirklich erschüttert ist. Weiß diese Kirche überhaupt noch, was wirklich von Relevanz ist für ihre Sendung? Oder hat sie den Geist der Differenzierung, der zwischen Existentiellem und Beiwerk unterscheiden lässt, längst auf dem Altar ihrer klerikalen Machtverliebtheit geopfert? Wenn man zu der Minderheit gehört, die sich nicht schon angewidert abgewandt hat, sondern immer noch die innerkirchlichen Prozesse verfolgt, wenngleich mit zunehmenden Kopfschütteln zugegeben, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass unsere Kirche täglich neue Risse bekommt, weil die Renovierungsarbeiten entweder gar nicht oder nur halbherzig angegangen werden, weil sie behindert oder beim geringsten Widerstand gleich wieder abgebrochen werden.  

Gott wird seinen Tempel nie im Stich lassen? Wir wissen, wie es ausgegangen ist. Gott wird seine Kirche nie im Stich lassen? Wir wissen noch nicht, wie es ausgeht, aber ich bezweifle, dass Gott sich von einem solchen Aberglauben beeindrucken lässt.

Jeremias musste hilflos zusehen, wie sich sein Volk ins Unheil stürzte. Die Antwort auf die Frage, ob auch wir hilflos werden zuschauen müssen, wenn die Kirche begonnene Irrwege weiter fortsetzt und sich selbst aller Kraft beraubt und zerstört, steht noch aus. Zugeteilt wären die Zuschauerplätze ja bereits - an die Laien und die Frauen. Es liegt jetzt an uns:

Wir können uns mit dieser Zuschauerrolle begnügen und uns in diesen kindischen Aberglauben, dass Gott schon alles richten wird, was wir verbockt haben, einklinken. Wir können aber auch wie Jeremias unseren Mund auftun, warnen und den klerikalen Selbstbetrug so mancher, die an wichtigen Schalthebeln sitzen, ansprechen. Eines nur müssen wir wissen: Ein Spaziergang wird das für die und den, der sich dazu entschließt nicht, egal ob Bischof, Kleriker oder Laie. Aus den Klageliedern des Jeremias wissen wir, wie sehr er ringt, zweifelt, hadert, um sich letztlich dann doch zu einem tiefen Gottvertrauen durchzuringen. Wer heute einen engagierten Beitrag zur Renovierung der Kirche leisten will, ich sage bewusst Renovierung, denn wir brauchen keinen Neubau, sondern eine Entrümpelung und Erneuerung, wer heute seinen Baustein auf dieser Großbaustelle einbringen will, wird durch ähnliche Erfahrungen wie Jeremias hindurchgehen müssen. Sind wir dazu bereit? Ein Spaziergang wird das nicht, wie es zumindest einer unter uns, der es als Administrator versucht hat, bereits erfahren musste. Und jeder von uns kennt auch andere, die ähnliche Erfahrungen gemacht machen. Was Jeremias geholfen hat, war, dass er in ständigem Gespräch mit Gott stand. Seine Klagen sind sehr emotional, das macht ihn mir auch so sympathisch. Er nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Er macht Gott Vorwürfe, er ringt. In seinem Ringen macht er aber schließlich doch die fundamentale Erfahrung, dass die ihm von Gott bei seiner Berufung gegebene Zusage: Ich bin bei dir und will dich erretten, Wirklichkeit wird. Er legt seine Furcht ab, er spürt die Liebe, die Gott zu seinem Volk hat, sein Vertrauen wächst, Hoffnungsbilder für ein neues Miteinander von Gott und Mensch, für ein neues Heilwerden der Welt nehmen Gestalt an. So wünsche ich uns allen, dass auch in unseren Klageliedern zunehmend die Hoffnung wächst, eine Hoffnung, die im Vertrauen auf Gott und auf seine Liebe zu uns, Kräfte freisetzt, die uns an der Erneuerung der Kirche arbeiten lassen. Lassen Sie mich abschließend unsere Skisprung-Vizeweltmeisterin Eva Pinkelnig verweisen, die sich letzte Woche in der Tiroler Tageszeitung dazu bekannt hat, dass Gott in ihrem Leben nicht irgendeine Rolle spielt, sondern der Regisseur überhaupt ist. „Von Trainern und Experten wurde ich abgeschrieben. Doch für Gott gibt es keine Grenzen. Er sprengt unseren Horizont, wenn wir ihm vertrauen und einfach einen Schritt vor den anderen setzen. Ich gab alles Menschenmögliche, und das Unmögliche erledigte Gott.“ Spüren Sie die Tiefe dieses Glaubens, der etwas fundamental anderes ist als der vorher skizzierte Aberglaube? Vielleicht wäre das ja auch ein Erfolgsrezept für unsere ebenso abgeschriebene Kirche: Wir vertrauen ihm, unserem Gott, und setzen einen Schritt vor den anderen, wir tun alles Menschenmögliche in und für die Erneuerung unserer Kirche und trauen ihm, dem Allmächtigen, das Unmögliche zu. Einen Versuch wäre es doch wert!

 

Die Ansprache von Gerda Schaffelhofer als Video-File

Gebet für die Diözese 29.01.2020 - Ansprache Gerda Schaffelhofer