Kirche gemeinsam verändern

Wir sind Gesandte an Christi statt!

Veröffentlicht von Gabriel Stabentheiner am 22.01.2020
Gerda Schaffelhofer
Gerda Schaffelhofer gestaltete das Gebet für die Diözese am 22.01.2020

Geh, tu was!

Gott sagt: Geh, tu was!

Und ich erwidere: Wer, ich?

Gott sagt: Ja, du.

Ich sage: Nein, das kannst du nicht von mir verlangen. Du kennst doch meinen Stress. Mein Terminkalender ist voll, ausgebucht. Keine Zeit! Und außerdem, warum gerade ich? Da gibt es so viele andere, die nicht so ausgelastet sind und noch dazu viel besser geeignet wären.

Gott sagt: Bist du sicher?

Und wieder sagt Gott: Geh, tu was!

Ich sage: Du weißt doch: Ich mach mich nicht gerne wichtig, ich steh nicht gern in der  ersten Reihe, ich gebe nicht gerne die Initialzündung zu etwas. Ich gehöre nicht zu den Wichtigtuern. Das musst du doch verstehen.

Gott sagt: Muss ich wirklich?

Und wieder sagt Gott: Geh, tu was!

Ich sage: Aber ich will nicht.

Gott sagt: Wenn du wolltest, bräuchte ich dich nicht zu bitten.

Ich sage: Muss ich wirklich? In deiner Kirche geht doch rein gar nichts. Wozu der Aufwand?

Und Gott sagt: Liebst du mich?

Und ich sage: Ja, aber es gibt so viel Gegenwind, ich habe Angst.

Da sagt Gott: Und wo glaubst du, dass ich sein werde?

Und ich seufze und sage: Da bin ich, Herr, sende mich!

 

Willkommen zum heutigen Gottesdienst, den ich unter das Motto gestellt habe:

„Wir sind Gesandte an Christi statt“. Es ist dies ein Zitat aus dem 2. Brief, den der Apostel Paulus an die Korinther schreibt und in dem er die junge Gemeinde in Korinth nahezu anfleht, sich dem Heil nicht zu verschließen, sondern sich mit Gott versöhnen zu lassen.

2 Kor 5,20: Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen.“ 

Sich mit Gott zu versöhnen, das ist eine typisch paulinische Denkweise. Sie steht in engstem Zusammenhang  dem Leben des Apostels Paulus, der vor seiner Bekehrung in Damaskus einer der größten Christenverfolger war. Durch ein gewaltiges Versöhnungserlebnis ist seine Feindschaft zu Gott einer  Freundschaft mit Gott, einer Liebe zu Gott gewichen.  Mit Gott versöhnt zu sein, hat Paulus sehr geprägt und in seiner Verkündigung hat daher die Einladung an alle, sich mit Gott versöhnen zu lassen einen zentralen Stellenwert eingenommen.

Paulus sieht alle Menschen grundsätzlich durch den Kreuzestod Jesu Christi als gerettet an, weiß aber auch, dass zu dieser von Gott angebotenen  Rettung das Ja der Menschen gehört. Wenn ich das mit einem Bild vereinfacht erklären darf:

Stellen wir uns ein Schiffsunglück vor; die Rettung ist schon voll im Gange, die Rettungsboot sind bereits an Ort und Stelle, die Rettungsseile sind ausgeworfen, jetzt liegt es aber an den Menschen, diese zu ergreifen. Die Retter tun alles, aber die Menschen müssen das Seil schon selbst anfassen. Paulus fleht seine Adressaten in Korinth an, genau das zu tun, das Seil zu ergreifen, indem er ihnen immer wieder zuruft, lasst euch mit Gott versöhnen.

Mit geht es aber heute weniger um die paulinische Versöhnungstheologie, sondern um die Gesandten, die an Christi statt wirken sollen.

Wir sind alle Gesandte. Seit unserer Taufe, dieser Initialzündung, die uns in das Reich Gottes hineinkatapultiert hat, haben wir eine Sendung, sind wir Gesandte. Fragen wir uns zunächst: Was ist eigentlich ein Gesandter?

In Google findet man 77 Synonyme für dieses Wort, und nicht alle sind positiv besetzt.  So kann ein Gesandter ein Kurier, ein Sendbote, ein Repräsentant sein, er kann sich aber auch als Diplomat, als Botschafter verstehen und er kann auch ein Taktiker, Fuchs, Schelm, Schlitzohr sein. Es sei gleich vorweg gesagt, in der Kirche haben wir alle diese Ausprägungen,  bei Laien und Klerikern, in Rom und anderswo. Wir können vielleicht noch darüber streiten, wer uns mehr schadet, die gewieften Taktiker oder die aalglatten Diplomaten, und wir können uns auch die Frage stellen, ob wir genügend Repräsentanten haben, die sich wirklich als „apostoloi“, als Gesandte des Herrn, verstehen.

Die Frage ist also, wie müssen wir unser Gesandt-Sein verstehen und/oder anlegen, damit wir dem, der uns gesandt hat, eine Blamage ersparen?

Vielleicht befremdet Sie jetzt diese Ausdrucksweise. Ich kann es verstehen, und doch ist es so, dass jede unserer Handlungen als Christen in den Augen unserer Mitmenschen auf Gott zurückfällt, im Positiven wie im Negativen. Wenn in Apg  4,32 steht: „Sie waren ein Herz und eine Seele“ und nach dem Zeugnis von Tertullian sogar die Heiden über die Christen im zweiten Jahrhundert gemunkelt haben: „Seht, wie sehr sie einander lieben!“, dann hat das sicherlich auch positive Rückschlusse auf diesen Gott der Christen zugelassen. Im Negativen funktioniert das natürlich ebenso, mit einem Unterschied, es funktioniert schneller. Wir müssen uns also als Gesandte Gottes immer vor Augen halten, dass wir gleichsam die Visitenkarten Gottes auf Erden sind und von dieser Visitenkarte zu jeder Tages- und Nachtzeit Rückschlüsse auf den gezogen werden, der uns gesandt hat.

Es verbietet sich für einen Gesandten auch jede Egozentrik, weil eine solche den Blick auf den Herrn nur verstellt. Es muss uns bewusst sein, dass es einem Gesandten nie und nimmer um die Durchsetzung des eigenen Willens gehen darf, sondern immer um den Willen dessen, der ihn beauftragt hat. Daher muss ein Gesandter seinen Auftrag genau kennen. Und auch wir können uns heute nicht unsere Privatreligion zurechtzimmern, verkünden, was uns gefällt, und aussparen, was uns an der biblischen Botschaft nicht schmeckt.  Wir müssen uns an der gesamten Offenbarung orientieren und dürfen uns nicht nur einfach ein paar Rosinen herauspicken. Wir dürfen und sollen die Tradition fortschreiben, aber nicht ohne sie zu kennen. Es ist daher ganz wesentlich, dass wir uns bei allem Ringen um ein neues Durchstarten in unserer Kirche und Diözese  immer auch eingebunden wissen in das Ganze. Wir können und müssen unsere Kirche reformieren, aber wir brauchen sie nicht neu zu erfinden. Der, der uns gesandt hat, ist nach wie vor da, auf ihn müssen wir unseren Blick richten. Von ihm allein unsere Autorität, kommt unsere Legitimation. Auf ihn müssen wir hören.

Das Verstehen, das rationale Erfassen, wozu wir gesandt sind, ist eine wesentliche Grundvoraussetzung für das Gelingen unsere Sendung, aber bei weitem nicht die einzige. Wir dürfen davon ausgehen, dass die Schriftgelehrten und Pharisäer zurzeit Jesu so gut wie alles getan haben, um sich mit Ihrem Verstand und intellektuellen Fähigkeiten in ihre Sendung  hineinzudenken. Und doch stehen sie im Zentrum der Kritik Jesu.

In Mk 12,38: „Nehmt euch in Acht vor den Schriftgelehrten! Sie gehen gern in langen Gewändern umher, lieben es, wenn man sie auf den Marktplätzen begrüßt, und sie wollen in der Synagoge die Ehrensitze und bei jedem Festmahl die Ehrenplätze haben. Sie fressen die Häuser der Witwen auf und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete.“

Die Schriftgelehrten haben ihren Verstand sicher bemüht, aber ihre ganze Gelehrsamkeit hat ihnen nichts genützt, der Schlusssatz Jesu lässt es nicht an Deutlichkeit fehlen: „Umso  härter wird das Urteil sein, das sie erwartet.“  

In Mt 15,14 nennt Jesus die Pharisäer blinde Blindenführer und prophezeit, dass wenn ein Blinder einen Blinden führt, beide in die Grube fallen werden. Die Kritik Jesu an Schriftgelehrten und Pharisäern poppt im NT immer wieder auf, und egal ob von Jesus selbst oder von den Evangelisten so drastisch formuliert, diese Kritik sollte uns zu denken geben. Denn eigentlich waren die Pharisäer jene religiöse Partei, die in ihrer Lehre Jesus am nächsten stand. Trotzdem geraten sie ins Kreuzfeuer der Kritik Jesu, sie müssen trotz ihres religiösen Eifers und ihrer Bibelstudien etwas  falsch gemacht und ihren Sendungsauftrag pervertiert haben.

Ich würde salopp sagen, sie haben nicht denselben Grundwasserspiegel wie Jesus. Es fehlt ihnen Entscheidendes: die Liebe zu den Menschen, die wachsen und gedeihen lässt. Nur in dieser Liebe können wir unsere Mission als Gesandte an Christi statt  erfüllen. Ein rein verstandesmäßiges Erfassen unserer Sendung und das sture Befolgen aller Regeln und Gebote bei der Erfüllung unserer Aufgabe genügen denn doch nicht.

Es braucht mehr. Wir können als Gesandte Gottes nur glaubwürdig sein, wenn wir seine Gesinnung der Liebe zu uns Menschen verinnerlicht haben und selbst in dieser Gesinnung unterwegs sind. Diese Gesinnung der Liebe ist wie das Licht, das uns Gottes Schöpfung überhaupt erst wahrnehmen lässt. Ohne dieses Licht tappen wir im Dunkeln. Und ohne die Gesinnung der Liebe ist unsere Sendung auch ein Tappen im Dunkeln und zum Scheitern  verurteilt.

Und so wünsche ich uns allen diese Gesinnung der Liebe als Kompass  für unsere Sendung, denn nur sie zeichnet uns als Gesandte an Christi statt aus.

Übrigens: Es gibt sie auch heute noch die Pharisäer in unserer Kirche.

 

Die bisherigen Gebete für die Diözese im Rückblick

 

Die Ansprache von Gerda Schaffelhofer als You-Tube-File

Gebet für die Diözese 22.01.2020